Als das Assad-Regime im Dezember 2024 fiel, brach Syrien sofort in Gewalt und Chaos zusammen. Während westliche Medien Dschihadisten als „Rebellen“ feierten, folgten Hinrichtungen, Massaker und der bizarre Aufstieg eines islamistischen Terroristen zum Interimspräsidenten. Dabei war das gestürzte, aber legitime Staatsoberhaupt Bashar al-Assad keineswegs der Dämon, als den ihn der Westen jahrelang inszenierte. Vor dem Krieg war Syrien in vielen Bereichen ein Vorzeigeland: wirtschaftlich stabil, sozial fortschrittlich und mit hoher regionaler Zustimmung. Dieser Artikel zeigt, was wirklich geschah – und welche unbequemen Fakten bis heute verschwiegen werden.
Von Guido Grandt
Anfang Dezember 2024 brach die Syrische Arabische Republik unter Präsident Baschar al-Assad endgültig zusammen. Mehrere koordinierte Offensiven der syrischen Opposition, die seit 2011 gegen das Regime kämpfte, führten zum militärischen Durchbruch. Mit dem Fall von Damaskus endete die fast ein halbes Jahrhundert währende Herrschaft der Assad-Familie, die Syrien seit 1971 geführt hatte.
Als die Rebellen in die Hauptstadt vorrückten, verließ Assad gemeinsam mit seiner Familie an Bord eines Flugzeugs das Land und floh nach Russland. Kurz darauf verkündeten die Aufständischen im staatlichen Fernsehen ihren Sieg über die Assad-Regierung. Die neue Übergangsführung erklärte den 8. Dezember – den Tag des Sturzes – zum nationalen Feiertag.
Vom Dschihadisten zum Freiheitskämpfer – dank westlicher Medien
Wie in jedem Krieg der Geschichte – und ebenso in der Gegenwart wie vermutlich auch in Zukunft – gehören Falschmeldungen, Propaganda und gezielte Irreführung zum ständigen Begleitprogramm.
Lügen, Täuschungen und konstruierte Narrative stammen dabei nicht selten von den Akteuren selbst: von Regierungen, Geheimdiensten, Medien, Militärführern und jenen, die Konflikte politisch oder geopolitisch befeuern.
So wurden die überwiegend islamistischen „Terroristen“, die gegen das kollabierende Assad-Regime kämpften, auf einmal zu „Rebellen“ und „Aufständischen“. In vielen Mainstream-Medien wurden sie erstaunlicherweise sogar als „moderate Kräfte“ etikettiert – ein Begriff, der den realen Umständen kaum standhielt.
Denn tatsächlich handelte es sich bei einem großen Teil dieser bewaffneten Gruppen um brutale Milizen, Islamisten und dschihadistische Formationen. Darunter Unterstützer oder Ableger von IS und Al-Qaida. Genau vor diesen Gruppen, deren Grausamkeit von Enthauptungen bis zu Massakern reicht, wurden und werden noch immer in Europa seit Jahren Terrorwarnungen ausgesprochen.
Tagesschau im Propagandamodus: „Terror“ wird zu „Opposition“
Dennoch vollzogen auch etablierte Medien eine gefährliche Gratwanderung. Selbst die ARD-Tagesschau veröffentlichte am 2. Dezember 2024 auf ihrer Homepage einen Beitrag, der diese Gruppierungen in einem bemerkenswert verharmlosenden Tonfall beschrieb:
Rebellen haben in Syrien die Truppen von Machthaber Assad überrumpelt und die Kontrolle über Aleppo an sich gerissen. Angeführt werden die Aufständischen von einer islamistischen Gruppe – offenbar mit Billigung der Türkei (…) Der Feind – das ist das Regime des syrischen Machthabers Bashar al-Assad aus Sicht der Aufständischen. Die werden von der islamistischen Gruppe Hayat Tahrir al-Sham, kurz HTS, angeführt. Sie ist aus der Nusra-Front hervorgegangen, einem Ableger von Al-Qaida. Der Anführer der HTS, Abu Mohammad al-Jolani, sagte sich jedoch seit 2017 öffentlichkeitswirksam los von dem globalen Terrornetzwerk.
Ein Ex-Terrorist als neuer Präsident Syriens
Mohammad al-Jolani (auch Muhammad al-Jawlani geschrieben), der Kopf der HTS, früherer Kommandeur der Nusra-Front legte seinen ursprünglichen Kampfnamen ab und nennt sich heute Ahmad al-Scharaa. Er ist seit Ende Januar 2025 Interimspräsident der Arabischen Republik Syrien.
Noch vor wenigen Monaten stand er auf der Fahndungsliste der US-Regierung. Für Hinweise auf seinen Aufenthaltsort setzt das FBI bzw. das „Rewards for Justice“-Programm des US-Außenministeriums bis zu 10 Millionen Dollar aus. Das war nicht etwa ein Missverständnis, sondern die offizielle Position der Vereinigten Staaten.
Hier:

Dazu hieß es unter anderem:
Das Rewards for Justice-Programm hat eine Belohnung von bis zu 10 Millionen US-Dollar für Informationen über Muhammad al-Jawlani, auch bekannt als Abu Muhammad al-Golani und Muhammad al-Julani, ausgesetzt. Al-Jawlani ist der Anführer der Al-Nusrah-Front (al-Nusrah-Front – ANF), einem Ableger von Al-Qaida (al-Qaida – AQ) in Syrien. Im Januar 2017 schloss sich die ANF mit mehreren anderen Hardliner-Oppositionsgruppen zu Hayat Tahrir al-Scham (HTS) zusammen. Während al-Jawlani nicht der Anführer von HTS ist, bleibt er der Anführer der AQ-nahen ANF, die den Kern von HTS bildet.
Unter der Führung von al-Jawlani hat die ANF zahlreiche Terroranschläge, die häufig Zivilisten zum Ziel hatten, in ganz Syrien verübt. Im April 2015 entführte die ANF Berichten zufolge etwa 300 kurdische Zivilisten von einem Kontrollpunkt in Syrien und ließ sie später wieder frei. Im Juni 2015 übernahm die ANF die Verantwortung für das Massaker an 20 Bewohnern des drusischen Dorfes Qalb Lawzeh in der Provinz Idlib in Syrien (…)
Am 16. Mai 2013 stufte das US-Außenministerium gemäß der Durchführungsverordnung 13224 (Executive Order 13224) in ihrer geänderten Fassung al-Jawlani als Speziell Ausgewiesener Globaler Terrorist (Specially Designated Global Terrorist – SDGT) ein. Dies hat unter anderem zur Folge, dass sämtliches Eigentum und alle Beteiligungen an Eigentümern von al-Jawlani, die der US-Gerichtsbarkeit unterliegen, gesperrt sind und dass es US-Personen generell untersagt ist, mit al-Jawlani Geschäfte zu tätigen (…)
Nach Assads Sturz kam die Stunde der Henker
Zur Erinnerung: Die North Press Agency, eine syrische Nachrichtenagentur mit einem landesweiten Netzwerk aus Korrespondenten und Redakteuren, veröffentlichte am 11. Dezember 2024 einen erschütternden Bericht – überschrieben mit dem Titel: Wenige Tage nach dem Sturz Assads wurden in Syrien Hinrichtungen auf freiem Feld durchgeführt
Darin hieß es beispielsweise:
In den sozialen Medien wimmelte es von Videoaufnahmen, die Hinrichtungen syrischer Bürger vor Ort unter verschiedenen Vorwänden zeigten, etwa dem Vorwurf, sie seien „Nusairis (Ungläubige)“ oder „Shabih“, ein Begriff, der verwendet wird, um Anhänger des Regimes von Bashar al-Assad zu bezeichnen. Diese Aktionen lösten einen internationalen Aufschrei und Warnungen vor Vergeltungsmaßnahmen gegen Einzelpersonen aufgrund ihrer ethnischen, religiösen oder politischen Zugehörigkeit aus.
Ein Korrespondent der North Press berichtete, dass in den letzten drei Tagen in Wohnvierteln und Dörfern in Homs 27 Zivilisten getötet wurden, von denen die meisten der alawitischen Sekte angehörten. Die Morde waren Berichten zufolge Racheakte, da die Sicherheitslage in diesen Gebieten stark zusammengebrochen war.
Am Dienstag zeigten im Internet kursierende Aufnahmen, wie bewaffnete Männer einen Mann der Alawiten-Sekte hinrichteten und seinen Körper verstümmelten. Der genaue Ort konnte allerdings nicht bestätigt werden. Auf einem anderen Video war zu sehen, wie ein Mitglied eines Militäreinsatzkommandos im Dorf al-Rabiah in der Provinz Hama zwei junge Männer hinrichtete, denen vorgeworfen wurde, sie seien „Ungläubige“.
In Homs tauchten weitere Videos auf, die zeigen, wie bewaffnete Männer in einer Menschenmenge den Körper eines angeblichen Anhängers der „Shabih“ schänden. Die drastischen Szenen zeigen, wie dem Opfer ein Seil um den Hals gebunden wird, der Körper durch die Straßen geschleift und nach seinem Tod mit Steinen beworfen wird.
Hier einige Bilder:

Es existieren zahllose weitere Fotos und Videos solcher Massaker, doch heute will kaum noch jemand davon etwas wissen.
Willkommenskultur für Terrorfürsten – Dämonisierung für legitime Staatschefs
Stattdessen wird der einstige syrische Terrorfürst inzwischen mit offenen Armen auf der Weltbühne empfangen.
Gleichzeitig wird der gestürzte Staatschef Baschar al-Assad – ganz wie zuvor Saddam Hussein im Irak oder Muammar al-Gaddafi in Libyen – als Dämon inszeniert und zum alleinigen Schuldigen erklärt. Auch sie fielen „Revolutionen“ zum Opfer, die in Wahrheit maßgeblich von ausländischen Geheimdiensten geschürt und gelenkt wurden.
Dabei sah die Realität in Libyen, im Irak – und ganz besonders in Syrien – längst nicht so düster für das Volk aus, wie es westliche Kriegstreiber und ihre willigen Mainstream-Medien unermüdlich behaupte(t)en.
Beliebt, bevor er verteufelt wurde – Das andere Bild des Baschar al-Assad
Baschar al-Assad, war – entgegen der später im Westen verbreiteten Legende vom „isolierten Diktator“ – über Jahre hinweg in der eigenen Bevölkerung und in der arabischen Welt überraschend populär.
Laut den breit rezipierten Umfragen des renommierten US-Meinungsforschungsinstituts Zogby International gehörte Assad im Jahr 2008 zu den beliebtesten politischen Führern des Nahen Ostens.
In der Region wurde er laut Zogby-Report nur noch vom Hisbollah-Generalsekretär Sayyid Hassan Nasrallah übertroffen, der – bevor Israel ihn am 27. September 2024 zusammen mit dutzenden Zivilisten tötete – als Symbolfigur des Widerstands gegen westliche und israelische Dominanz galt.
In mehreren arabischen Staaten bewerteten damals zwischen 50 und 70 Prozent der Befragten Assad positiv – ein Wert, der in westlichen Medien nach 2011 bewusst verschwiegen oder relativiert wurde.
Die Zogby-Studien belegen jedoch klar: Assad galt vielen Arabern als Garant staatlicher Stabilität, als jemand, der Syrien vor innerer Zersplitterung bewahrt hatte.
Stabilität statt Vasallentum: Warum Assad in der arabischen Welt geschätzt wurde
Hinzu kommt ein entscheidender geopolitischer Faktor: Syrien stand – ähnlich wie Iran oder die Hisbollah – außerhalb der US-geführten Einflusszone. Dies verschaffte Assad in der arabischen Bevölkerung ein Image als „unabhängiger Araberführer“, der sich weder von Washington noch Tel Aviv diktieren ließ.
Der US-Politologe Joshua Landis dokumentierte, dass die syrische Regierung zwischen 2000 und 2010 in vielen Bereichen – Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur – real messbare Fortschritte erzielt hatte.
Selbst westliche Nachrichtendienste kamen zu ähnlichen Einschätzungen. Ein 2006 veröffentlichter vertraulicher CIA-Bericht warnte ausdrücklich davor, dass ein Sturz Assads „nahezu sicher zu einem Bürgerkrieg“ und zu einem „irakischen Szenario“ führen würde, da Syrien eine der ethnisch und religiös vielfältigsten Gesellschaften der Region sei.
Der US-Auslandsgeheimdienst sollte sich nicht täuschen ..
All diese Einschätzungen standen diametral zum späteren Bild in westlichen Leitmedien, die Assad ab 2011 ausschließlich als „blutrünstigen Diktator“ zeichneten. Dass er jedoch vor 2011 einen der höchsten Zustimmungswerte der arabischen Welt hatte, wurde systematisch aus der Berichterstattung gedrängt, obwohl es sich um überprüfbare Daten handelte.
Gesundheit, Bildung, Sicherheit – Syriens unerzählte Errungenschaften
Vor dem Ausbruch des westlich befeuerten Bürgerkriegs 2011 präsentierte sich Syrien keineswegs als „gescheiterter Staat“, sondern als eines der sozial fortschrittlichsten Länder des Nahen Ostens.
Der syrische Staat gewährte universelle, kostenfreie Gesundheitsversorgung und Bildung, getragen von einem dichten Netz öffentlicher Krankenhäuser und Universitäten. Selbst hochkomplexe medizinische Eingriffe – darunter Neurochirurgie und Herzoperationen – wurden kostenlos oder zu minimalen Kosten angeboten.
Internationale Gesundheitsberichte bestätigten damals regelmäßig, dass Syrien im regionalen Vergleich zu den leistungsfähigsten staatlichen Gesundheitssystemen zählte.
FORTSETZUNG FOLGT IM 2. TEIL!
Guido Grandt (geb. 1963) ist investigativer Journalist, Publizist, TV-Redakteur und freier Produzent. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf Recherchen zu organisierter Kriminalität, Geheimgesellschaften sowie auf brisanten Themen aus Politik, Wirtschaft, Finanzen, Militär und Sicherheit. Darüber hinaus widmet er sich der Aufdeckung verborgener oder tabuisierter Hintergründe zeitgeschichtlicher Ereignisse. Guido Grandt veröffentlichte bisher über 40 Sachbücher und verfasste rund 6.000 Artikel.
- Sein kostenloser Blog: https://www.guidograndt.de/
- Seine Bücher: Guido Grandt bei Amazon
Quellen:
- https://www.srf.ch/news/international/ein-jahr-nach-assad-sturz-etwas-hoffnung-und-viele-herausforderungen-das-neue-syrien
- https://www.pbs.org/wgbh/frontline/interview/abu-mohammad-al-jolani
- https://web.archive.org/web/20230201221729/https://rewardsforjustice.net/de/rewards/muhammad-al-jawlani/
- https://npasyria.com/en/119608
- Zogby International, 2008 Arab Public Opinion Poll, Arab American Institute
- Israeli Defense Forces / internationale Agenturberichte zum Tod Hassan Nasrallahs, 27.09.2024
- Zogby International, Leadership Popularity Index – Middle East (2002–2010)
- Joshua Landis, University of Oklahoma, Syria Comment – Socioeconomic Development under Assad (2000–2010)
- Declassified CIA Assessment, „Potential Outcomes of Regime Change in Syria“, 2006
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12211332
- WHO Country Cooperation Strategy: Syrian Arab Republic 2010–2015
- UNDP Human Development Report 2009/2010
- World Bank – Syrian Arab Republic Data (bis 2010)
- Lancet: “Health in Syria before the war” (2013)
- Weltbank – World Development Indicators (WDI) für Syrien (1999–2010)
- International Monetary Fund (IMF) – Syrian Arab Republic: Statistical Appendix (2010/2011)
- UN ESCWA – National Accounts Studies of the Arab Region (2011)
- OECD / Arab Economy Studies: Syrien 2010 als „upper middle performing economy“ im regionalen Vergleich.
- https://www.statista.com/statistics/742532/gdp-in-syria/?srsltid=AfmBOorPxx5pxaoVEOAQSgnQ_tZlrJx2oblLNL4yiR5-qt5FUCyW-5j6
- U.S. Energy Information Administration (EIA), Country Analysis: Syria (2010)
- BP Statistical Review of World Energy (2011)
- International Energy Agency (IEA), MENA Reports (2009/2010)
- https://www.atlanticcouncil.org/in-depth-research-reports/issue-brief/syrias-energy-sector-and-its-impact-on-stability-and-regional-developments/
- International Monetary Fund (IMF), Syrian Arab Republic – Country Report 2010/2011
- World Bank – Global Development Finance & WDI Datenbank
- Arab Monetary Fund – Economic Indicators for Syria (2010)
- https://tradingeconomics.com/syria/government-debt-to-gdp
- IMF – Syrian Arab Republic Country Report 2010/2011
- World Bank – WDI / Country Overview 2004–2010
- UN ESCWA – Economic Survey of the Arab Region 2010
- OECD – Arab Economic Outlook (2010)
- https://www.harmoon.org/en/researches/economic-reform-in-syria/
- Vogue, März 2011 – „A Rose in the Desert“, Autorin:Joan Juliet Buck
- https://www.theatlantic.com/international/archive/2012/01/the-only-remaining-online-copy-of-vogues-asma-al-assad-profile/250753
- https://web.archive.org/web/20110225204927/https://www.vogue.com/vogue-daily/article/asma-al-assad-a-rose-in-the-desert/
- https://www.zeit.de/2007/09/Syrien/komplettansicht
