Private Gewinne, öffentliche Verluste? BlackRock will an die Ukraine-Milliarden

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Mehr als 100 Milliarden Euro an Ukraine-Hilfen und Verpflichtungen stehen bereits in der deutschen Bilanz. Doch die nächste Rechnung für die deutschen Steuerzahler zeichnet sich ab: Fast 588 Milliarden Dollar soll der Wiederaufbau der Ukraine kosten. BlackRock will gemeinsam mit der Weltbank an der Finanzierung mitwirken. Deutschland beteiligt sich schon heute an einem Wiederaufbaufonds, bei dem öffentliche Gelder zuerst für mögliche Verluste privater Investoren geradestehen sollen.

Der Krieg in der Ukraine ist noch lange nicht vorbei, doch das Milliardengeschäft mit dem Wiederaufbau nimmt bereits Gestalt an. Auf einem Luxus-Golfplatz in Florida verhandelten Trumps Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner mit Vertretern der Ukraine, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens über einen neuen Friedensplan. Laut der Washington Post wollen der US-Finanzgigant BlackRock und die Weltbank einen Finanzierungsrahmen für den Wiederaufbau entwickeln. Der weltgrößte Vermögensverwalter bringt sich damit erneut für ein Geschäft in Stellung, bei dem es um gewaltige Summen geht.

Mehr als 500 Milliarden Euro

Die Weltbank beziffert den Wiederaufbaubedarf der Ukraine inzwischen auf knapp 588 Milliarden Dollar beziehungsweise mehr als 500 Milliarden Euro innerhalb von zehn Jahren. Allein für die Verkehrsinfrastruktur veranschlagt sie über 96 Milliarden Dollar, für die Energieversorgung weitere 91 Milliarden. Hinzu kommen Wohnungen, Fabriken, Landwirtschaft und öffentliche Einrichtungen. Die Summe entspricht fast dem Dreifachen der ukrainischen Wirtschaftsleistung von 2025. Und Russland zerstört weiterhin Infrastruktur. Die Rechnung könnte also noch wachsen.

Deutschland zahlte bereits Unsummen. Die Bundesregierung weist seit Februar 2022 rund 100 Milliarden Euro an ziviler und militärischer Unterstützung aus. Davon entfallen 43,3 Milliarden auf zivile Hilfen und 57,6 Milliarden auf militärische Leistungen beziehungsweise Zusagen für kommende Jahre. Doch die tatsächliche Zusammensetzung dieser Milliardenbeträge hat es in sich. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft nahm die Regierungszahlen Anfang Oktober genauer unter die Lupe. Ergebnis: Von den rund 100 Milliarden Euro lassen sich lediglich 41,7 Milliarden als tatsächlich geleistete bilaterale Unterstützung für die Ukraine einordnen. Weitere 35,9 Milliarden entfallen auf Ausgaben und Garantien innerhalb Deutschlands, größtenteils für ukrainische Flüchtlinge.

Allein 27,45 Milliarden Euro wurden für Bürgergeld und weitere 7,15 Milliarden für Unterbringung und Unterstützung durch Länder und Kommunen ausgewiesen. Rund 1,3 Milliarden betreffen Export- und Investitionsgarantien. Weitere 22 Milliarden Euro sind zukünftige militärische Zusagen, deren vollständige Umsetzung noch aussteht. Der Kieler Befund zeigt damit vor allem eines: Die Bundesregierung vermischt bereits geleistete Hilfen, Ausgaben im Inland, Garantien und zukünftige Verpflichtungen zu einer gewaltigen Gesamtsumme. Für die Steuerzahler sind diese Unterschiede durchaus wichtig. Eine erteilte Garantie belastet den Haushalt schließlich anders als eine bereits bezahlte Rechnung. Und eine Verpflichtung für kommende Jahre bleibt eine Verpflichtung, selbst wenn das Geld heute noch nicht abgeflossen ist.

Neben Direkthilfen auch PPP-Projekte

Dazu kommt die europäische Ebene. Die EU hat für 2026 und 2027 einen Kreditrahmen über weitere 90 Milliarden Euro beschlossen. Davon sind rund 60 Milliarden für Verteidigungsgüter und militärische Kapazitäten vorgesehen, weitere 30 Milliarden für die allgemeine Haushaltsfinanzierung der Ukraine. Das ist kein zusätzlicher 90-Milliarden-Wiederaufbaufonds. Doch auch diese Kredite schaffen finanzielle Verpflichtungen und Risiken. Brüssel nimmt das Geld am Kapitalmarkt auf und sichert die Darlehen über den EU-Haushalt ab. Die Rückzahlung soll über vielleicht irgendwann mal kommende, aber sehr unwahrscheinliche russische Reparationen erfolgen. Deutschland beteiligt sich als EU-Mitglied an der Haushaltsfinanzierung.

Wie öffentliche Gelder private Investoren vor Verlusten schützen sollen, zeigt ein bereits gestarteter Wiederaufbaufonds der deutschen Förderbank KfW. Gemeinsam mit europäischen Partnern rief sie im Juni den European Flagship Fund for the Reconstruction of Ukraine ins Leben. Bis Ende 2027 soll der Fonds auf eine Milliarde Euro anwachsen und Investitionen von insgesamt sechs bis sieben Milliarden Euro ermöglichen. Der entscheidende Punkt steckt in der Finanzierung. Öffentliche Geldgeber stellen bis zu 220 Millionen Euro für eine sogenannte Erstverlusttranche bereit. Deutschland beteiligt sich mit 15 Millionen Euro. Auch Italien, Frankreich und Polen steuern jeweils 15 Millionen bei, hinzu kommen europäische Mittel.

Was das bedeutet? Verlieren die finanzierten Projekte Geld, werden diese Verluste zunächst von dem besonders risikobehafteten öffentlichen Kapitalanteil aufgefangen. Private Anleger sollen dadurch geschützt und zu weiteren Investitionen bewegt werden. Die Haftung ist auf die jeweilige Beteiligung begrenzt. Aber die Reihenfolge bleibt bemerkenswert: Öffentliche Gelder stehen in der ersten Verlustlinie, damit privates Kapital leichter investiert. Die KfW beschreibt diesen Mechanismus selbst ausdrücklich als Mittel zur Risikominderung für private Investoren. Verwaltet wird der Fonds von Amber Infrastructure und Dragon Capital. BlackRock gehört nach den veröffentlichten Angaben nicht zu dessen Fondsmanagern.

BlackRock will unbedingt mitmischen

Bei BlackRock geht es bislang um einen anderen Finanzierungsansatz. Schon 2022 begann der Konzern mit Beratungen für die ukrainische Regierung. Im Mai 2023 beauftragte das Wirtschaftsministerium die Sparte BlackRock Financial Markets Advisory mit der Entwicklung eines Wiederaufbaufonds. Staatliches und privates Kapital sollten zusammengeführt werden. Die damalige Beratung erfolgte unentgeltlich. Im Jahr 2025 stellte BlackRock die Investorensuche für das Projekt ein. Jetzt erscheint der Konzern erneut in den amerikanischen Wiederaufbauplänen für einen Staat, dessen Bevölkerung immer weiter schrumpft und dessen Zukunft völlig ungewiss ist.

Welche Rolle BlackRock bei einem neuen Fonds tatsächlich übernehmen könnte, steht noch aus. Auch mögliche Gebühren, staatliche Garantien und der deutsche Finanzierungsanteil sind bisher nicht bekannt. Gerade deshalb lohnt der Blick auf das bereits bestehende KfW-Modell. Es zeigt, wie der Staat Investitionsrisiken übernehmen kann, um privaten Geldgebern den Einstieg zu erleichtern. Ein Verfahren, das für die Finanzindustrie durchaus attraktiv sein kann. Dass Friedrich Merz von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland war, gehört zur politischen Vorgeschichte. Für die finanzielle Bewertung entscheidend sind allerdings die konkreten Verträge und Haftungsbedingungen, die Deutschland künftig eingehen könnte.

Geld für die Ukraine, Schulden für Deutschland

Unterdessen fehlen hierzulande Milliarden für marode Brücken, kaputte Straßen und sanierungsbedürftige Schulen. Kommunen kämpfen mit Schulden, die Industrie leidet unter hohen Energiepreisen und die Bundesregierung finanziert zusätzliche Investitionen zunehmend über Kredite. Gleichzeitig stehen mit dem ukrainischen Wiederaufbau mögliche weitere Verpflichtungen in gewaltiger Größenordnung im Raum. Wie viel soll Deutschland davon übernehmen? Welche Garantien werden verlangt? Wer verdient an der Verwaltung der Gelder? Und welche Verluste könnten am Ende bei den Steuerzahlern landen?

Die Bundesregierung weist bereits rund 100 Milliarden Euro an Ukraine-Hilfen und Verpflichtungen aus. Hinzu kommen europäische Kreditrisiken und erste öffentliche Absicherungen für private Wiederaufbauinvestoren. Bei zusätzlich fast 588 Milliarden Dollar Wiederaufbaubedarf geht es um finanzielle Entscheidungen für viele Jahre. Private Finanzkonzerne können an solchen Investitionen verdienen. Doch warum müssen wieder einmal die Steuerzahler die Risiken übernehmen?

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