Mindestens 70 Prozent der Gazaner wollen auswandern

Symbolbild: Report24 / KI

Aus einer aktuellen Lagebesprechung im israelischen Verteidigungsministerium zeichnet der neue Sprecher des Israel Defense and Security Forums, Erez Winner, ein ungewöhnlich offenes Bild der militärischen Einschätzungen. Er spricht über die Fronten im Libanon und in Gaza, die Strategie gegenüber dem Iran sowie Pläne für die Zukunft des Gazastreifens. Seine Aussagen geben Einblick in das Denken der israelischen Sicherheitsführung – und zeigen, welche Entwicklungen Jerusalem in den kommenden Monaten für wahrscheinlich hält.

Erez Winner, der neue Sprecher des „Israel Defense and Security Forums“, gibt nach einer Besprechung im Verteidigungsministerium interessante Einblicke. Das betrifft die Kriegslage mit dem Iran und die Entwicklung in Gaza.

Das „Israel Defense and Security Forum“ ist ein Zusammenschluss von 34.000 Reserveoffizieren mit guten Verbindungen zu Armeeführung und Regierung. Nachdem der Gründer Amir Avivi sich der Politik zuwendet, wurde Erez Winner zum neuen Sprecher des IDSF.

In seinem jüngsten „Briefing“ meldet er sich noch direkt aus der Parkgarage des Verteidigungsministeriums, wo er an einer Lagebesprechung teilgenommen hat. Einschätzungen der Truppen an den verschiedenen Fronten sowie des Geheimdienstes wurden dort zusammengetragen und diskutiert.

Winner berichtet etwa von den Tunnelanlagen der Hisbollah im Südlibanon, die noch viel massiver seien als die der Hamas in Gaza. Für die Zerstörung eines Tunnelsystems im Ali-Taher-Berg im Libanon würden etwa 1000 Tonnen Sprengstoff benötigt. Das sei mehr als das Zehnfache von dem größten Tunnel in Gaza.

Israel werde jedenfalls in bestimmten Zonen im Libanon, in Gaza und in Syrien bleiben, solange von dort eine Gefahr für israelische Zivilisten ausgehe.

Kriegslage mit dem Iran

Winner ist der Ansicht, dass das „Memorandum of Understanding“ (MOU) zwischen den USA und dem Iran letztlich keine Chance auf Umsetzung habe. Vorerst sei die Eskalation aber beschränkt.

Die Ziele der US-Luftschläge in den vergangenen Tagen würden sich auf die Straße von Hormuz konzentrieren. 95 Prozent der Angriffe würden in dieser Zone stattfinden – auf die Küste und auf Inseln, auf Drohnenbasen, Radaranlagen, Raketenabschussrampen, Häfen und Schnellboote.

Es gehe letztlich um die Öffnung der Wasserstraße, wobei die Fahrlinie nahe der Küste des Omans de facto bereits wieder offen sei. Der nächste logische Schritt sei die Absetzung von Bodentruppen zur Sicherung von bestimmten wichtigen Stellen.

Abgesehen von diesem Schwerpunkt auf Hormuz sei auch eine wichtige Brücke zerstört worden, die auf dem Hauptkorridor nach Russland und China liege und für den Nachschub von Munition wichtig sei. Allerdings handle es sich dabei noch mehr um eine symbolische Aktion, die den Iranern zeige, was möglich sei.

Die Auseinandersetzungen können sich laut Winner in zwei Richtungen entwickeln. Eine wäre, dass die Kämpfe beschränkt bleiben und man dann vorübergehend zum MOU zurückkehre. Die andere wäre eine weitere Eskalation, die nicht geplant sei, aber passieren könne.

Gute Position für Israel

Israel sei auf beide Varianten vorbereitet. Auf die Nachfrage, ob Israel einen neuen Einstieg in den Krieg mit dem Iran wolle, antwortet Winner: Die aktuelle Situation sei gut für Israel. Die USA würden den Iran im Schach halten und Israel könnte seine Ziele im Libanon (und in Gaza) verfolgen.

Die Fähigkeit des Irans zu Angriffen auf Israel sei massiv geschwächt. Und auch die iranischen Möglichkeiten, seine Proxys Hamas und Hisbollah zu unterstützen, seien sehr eingeschränkt.

Hinzugefügt werden kann, dass es bemerkenswert ist, dass die Mullahs mit ihren Raketen und Drohnen aktuell diverse Länder am Golf und auch Jordanien attackieren, nicht aber das besonders verhasste Israel. Und die iranische Führung hatte auch angekündigt, dass man Israel angreifen würde, wenn der Libanon nicht Teil des MOU sei. Das war er nicht, und der Iran scheute trotzdem vor einem neuerlichen Angriff auf den jüdischen Staat zurück.

Auswanderung aus Gaza

Winner berichtet, dass die Regierung die Verantwortung für die Auswanderung von Gazanern dem Mossad übertragen habe, unter der Leitung von Roman Gofman. US-Unterstützung sei notwendig, damit Länder bereit seien, Gazaner aufzunehmen.

Nach verschiedenen palästinensischen und internationalen Umfragen würden 70 bis 85 Prozent der Gazaner das Land verlassen wollen (was den Hamas-Zielen, die die Bevölkerung weiterhin als Schutzschild haben will, frontal entgegensteht). Laut Winner wäre das die beste Lösung. Ein Wiederaufbau und auch eine Reformierung der Gesellschaft in Gaza würden Jahrzehnte dauern.

Das Verteidigungsministerium sei für israelische Siedlungen in Nordgaza. Sie sollten semi-zivil, semi-militärisch sein, da es um die Sicherung der Gebiete gehe.

Aktuell gäbe es in Gaza wiederholt Angriffe der Hamas auf die Lebensmittelausgaben. Es gäbe in Gaza mehr Essen als nötig, teilweise würde es sogar schon verderben. Mit den besten Dingen mache die Hamas Geschäfte. Und wenn die Verteilorganisationen nicht genug Schutzgeld an die Hamas bezahlen, würde es Angriffe geben. Eine Trennung von Zivilisten und Hamas sei eher schwierig.

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