Israelischer Einmarsch als Chance für den Libanon?

Symbolbild: pablographix / freepik

Israel dringt aktuell in den Südlibanon vor, um die Raketenangriffe der Hisbollah zu unterbinden. Israel könnte aber nun auch darangehen, den Libanon neu zu ordnen und neue Bündnispartner zu ermächtigen.

Von Eric Angerer

Die israelische Armee (IDF) hat zuletzt 450.000 Reservisten mobilisiert. Das kann zwei Gründe haben. Einerseits kann man dadurch hoch trainierte Truppen für Kommandoeinsätze im Iran freibekommen.

Einmarsch bis zum Litani?

Andererseits und vor allem geht es wohl um die Verstärkung der angelaufenen Offensive im Südlibanon. Nach Angaben des Militärs operiert die 91. Division im östlichen Südlibanon, die 210. Division im Gebiet des Berges Dov (Shebaa-Farmen) und die 146. Division im westlichen Südlibanon. Und bereits vergangene Woche wurde die Golani-Infanterie-Brigade aus dem Gaza-Streifen in den Libanon verlegt.

Das US-amerikanische Nachrichtenportal Axios berichtet, dass Israel wohl das gesamte Gebiet südlich des Litani-Flusses einnehmen will. Das würde einen Vormarsch von 25 bis 30 Kilometern bedeuten – und die Kontrolle über ein Gebiet, das überwiegend von Schiiten bewohnt wird und das von deren terroristischer Miliz Hisbollah, einem Proxy der iranischen Mullahs, beherrscht wird.

Die Hisbollah hatte in den vergangenen Wochen (wie schon während des Gaza-Krieges), sicherlich auf Kommando aus Teheran, immer wieder Raketen auf Israel abgeschossen. Viele nordisraelische Orte sind deshalb evakuiert. Dem will die IDF nun ein Ende machen.

Geänderte Situation

Aufgrund schlechter Erfahrungen bestanden in Israel lange Bedenken gegen den Einsatz von Bodentruppen im Libanon. Allerdings haben sich wesentliche Faktoren geändert. In den 1980er Jahren hatte die PLO im Libanon die militärische Unterstützung Syriens. Dasselbe galt in den vergangenen Jahrzehnten für die Hisbollah. Nun aber ist das Assad-Regime Geschichte, das neue Al-Kaida-Regime in Syrien (noch) militärisch schwach und die Mullahs kämpfen selbst ums Überleben.

Außerdem scheint Israel diesmal nicht darauf zu setzen, als Besatzer gegenüber einer feindseligen Bevölkerung aufzutreten. Ähnlich wie die Hamas in Gaza bewegen sich die Hisbollah-Terroristen in der schiitischen Bevölkerung wie Fische im Wasser. Mütter berichten, dass sie ihre Kinder bereitwillig als Märtyrer für den Kampf gegen Israel opfern.

Einiges deutet darauf hin, dass die IDF daran arbeitet, den Großteil der Bevölkerung aus dem Gebiet südlich des Litani zu verdrängen. Es gibt entsprechende Evakuierungsaufrufe und Aussagen etwa von Amir Avivi, einem ehemaligen General und Sprecher des Israeli Defense and Security Forums (IDSF), das gute Beziehungen zu Armeeführung und Regierung hat. Christliche Dörfer scheinen allerdings davon verschont zu bleiben, wenn sich nicht gerade Hisbollah-Kämpfer in ihnen verschanzen.

Gunst der Stunde nutzen

Wenn die israelische Führung klug und entschlossen ist, wird sie das Momentum nutzen und gegenüber dem Libanon überhaupt eine Neuordnung anstreben. Die Rückendeckung der USA ist klarer als seit Langem. Vor allem die jungen Israelis sind für einen scharfen Kurs. Und insgesamt hat sich die Mentalität in Israel zu einem selbstbewussten Kurs der Stärke verschoben.

Der Libanon und auch Syrien haben eine wechselvolle Geschichte, waren lange weitgehend christlich-orthodoxe Gebiete unter byzantinischer Herrschaft, die später immer mehr islamisiert wurden.

Ihre heutigen Grenzen gehen auf das imperialistische Sykes-Picot-Abkommen von 1916 und den Vertrag von Sèvres von 1920 zurück. Dass heutige „antiimperialistische“ westliche Linke diese Grenzen für sakrosankt erklären, ist lachhaft und nur dadurch zu erklären, dass diese Linken den Dschihadisten die Steigbügel halten und alles unterstützen, was gegen Israel geht.

Gescheiterten Staat wiederherstellen

Die künstlichen Grenzziehungen sind ein wesentlicher Grund dafür, dass es sich bei Syrien und dem Libanon um gescheiterte Staaten handelt. Sie sind zerrissen durch zahlreiche ethnische und religiöse Gruppen.

Dass mit israelischer Intervention hier eine Neuordnung stattfinden könnte, würde einigen drangsalierten Minderheiten zugutekommen. Neue Grenzziehungen und Bevölkerungsaustausch würden mittel- und langfristig Konflikte entschärfen und allen die Möglichkeit einer besseren Entwicklung geben.

Israel praktiziert das bereits mit seinem Schutz der Drusen in Syrien. Im Libanon könnten vor allem die Christen (Maroniten, Griechisch-Othodoxe, Griechisch-Katholische, Armenisch-Orthodoxe) davon profitieren. Sie machen etwa 40 Prozent der Bevölkerung aus, waren mal die Mehrheit im Land, sind aber in den vergangenen Jahrzehnten von den Islamgläubigen immer mehr verdrängt worden. Auch die Drusen im Libanon (5 Prozent der Bevölkerung) sind mögliche Verbündete für Israel.

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