Demonstrativ kurz vor Kriegsbeginn besuchte der indische Premier Israel. Es ging um einer weitere Vertiefung der Zusammenarbeit, die für beide Seiten natürlich und logisch ist. Die Gespräche waren von betonter Herzlichkeit geprägt.
Von Eric Angerer
Der indische Premier Narenda Modi durfte als erster indischer Premier vor der Knesset sprechen. Mit Blick auf das Terrormassaker vom 7. Oktober erklärte er bei der Sondersitzung: „Indien steht fest an der Seite Israels, mit voller Überzeugung, in diesem Augenblick und darüber hinaus.“ Knessetsprecher Amir Ochana (Likud) ehrte Modi mit einer erstmals vergebenen Medaille der Knesset.
Der aktuelle Besuch
Der israelische Premier Benjamin Netanjahu (Likud) dankte Modi in seiner Rede dafür, dass Indien nach dem Terrormassaker unerschütterlich zu Israel gehalten habe. „Das werden wir nicht vergessen.“ Weiter betonte er, Israel und Indien würden ein „eisernes Bündnis“ von Ländern „gegen den extremistischen Islam“ bauen. „Israel ist wie Indien eine Festung der Demokratie in einer wilden Region.“
Bei seinem Aufenthalt besuchte Modi gemeinsam mit Netanjahu eine Ausstellung verschiedener Erfindungen israelischer Nachwuchswissenschaftler. Dabei ging es um Themen wie Künstliche Intelligenz, Quantenrechner, Cybersicherheit, Pflege und Gesundheit sowie Wasser- und Landwirtschaft.
Modi und Netanjahu vereinbarten eine Reihe von Abkommen. Unter anderem ging es dabei um die Errichtung einer Partnerschaft für Kritische und Innovative Technologien. Außerdem will Indien weiter von israelischen Landwirtschaftsmethoden lernen. Die Zahl der dafür vorgesehenen Ausbildungszentren soll von 43 auf 100 erhöht werden.
Netanjahu sagte auf der Pressekonferenz mit Modi: „Wir sind stolze, alte Zivilisationen“, betonte er. „Wir sind stolz auf die Vergangenheit, doch absolut entschlossen, die Zukunft zu ergreifen, und wir können dies gemeinsam besser tun.“
Netanyahu sagte, die beiden Länder seien „mehr als Freunde“, in mancher Hinsicht wie Brüder. Modi war 2017 als erster indischer Premier nach Israel gekommen. Mit Netanjahu verbindet ihn mittlerweile ein enges Verhältnis.
Vertiefung der Zusammenarbeit
Der Handel zwischen Israel und Indien hatte 2024 und 2025 ein Volumen von 3,6 Mrd. Dollar und wächst stetig. Nun wird sogar über ein Dreihandelsabkommen verhandelt. Die Rede ist oft von einer für beide Seiten günstigen Kombination von indischer Wachstumsdynamik und israelischer Innovationskraft.
Der Hafen von Haifa, der wichtigste in Israel gehört seit Januar 2023 zu 70 Prozent einem indischen Konzern. Er spielt auch eine wichtige Rolle von den Handelskorridor von Indien über prowestliche arabische Staaten und Israel und Griechenland nach Europa, an dem Neu Delhi und Jerusalem arbeiten.
Militärische Kooperation
Schon in den 1990ern unterstützte Israel trotz internationaler Sanktionen das ballistische Raketenprogramm Indiens. 2016 verkaufte Israel Waffen für fast 600 Mio. US-Dollar an Indien und war damit nach Russland der zweitgrößte Lieferant.
2021 wurde ein Abkommen zur gemeinsamen Entwicklung von neuer Verteidigungstechnologie geschlossen. Das Abkommen erleichtert die gemeinsame Produktion von Verteidigungstechnologie, darunter Drohnen, Robotik, künstliche Intelligenz, Quantentechnologie und andere Bereiche. Die Produktion wird von beiden Streitkräften gemeinsam finanziert, und alle im Rahmen des Abkommens entwickelten Technologien können von beiden Ländern genutzt werden.
Aktuell soll laut indischen Medien mit Israel gerade ein neuer Rüstungsdeal um 10 Mrd. Dollar beschlossen werden. Dabei soll es insbesondere um den Kauf israelischer Luftabwehrsysteme gehen. Mittlerweile haben die beiden Länder eine stabile Sicherheitspartnerschaft, bei der es auch um Terrorabwehr geht, und eine strategische Allianz.
Strategische Allianz
Hindu-nationalistische Gruppierungen feiern die Partnerschaft mit Israel als anti-islamisches Bündnis. In Pakistan und in den arabischen Ländern verfolgt man umgekehrt die indisch-israelische Nähe Annäherung mit Entsetzen; manche sehen gar eine „hinduistisch-zionistische Verschwörung“ am Werk.
Tatsächlich sind der Besuch Modis, der neue Rüstungsdeal und die Ankündigung einer Freihandelszone – ausgerechnet im Vorfeld des Krieges mit dem Iran – demonstrative Akte. Und auch bezüglich Somaliland, wo es um die Kontrolle am Horn von Afrika und den Zugang zum Roten Meer geht, kooperiert Indien mit Israel und den VAE.
Dass der jüdische Staat seit seiner Gründung von seinen arabischen Nachbarstaaten und zuletzt vor allem von Dschihadisten bedroht und angegriffen wird, ist im Westen weithin bekannt. Weniger vertraut sind meisten Europäer damit, dass auch Indien seit dem 8. Jahrhundert ständig in Konflikt mit einem aggressiv-expansiven Islam steht.
Islamische Expansion
Die Wurzeln des muslimisch-hinduistischen Konfliktes reichen tief, nämlich in die Zeit der islamischen Expansion. Die arabisch-nomadische Gesellschaft hatte in den Islam von Anfang an starke Züge von Krieg, Expansion, Raub und Beute eingebracht, die nun religiös überhöht wurden. Neben den muslimischen Expansionen in Nordafrika, Südeuropa und Westasien stießen die kriegerischen Islambefolger nach dem Fall des persischen Reiches weiter nach Osten vor.
Eine Folge davon war die Vernichtung der buddhistischen Zivilisationen in Zentralasien, beginnend im frühen 8. Jahrhundert, bei der nach manchen Schätzungen in einem Zeitraum von etwa 300 Jahren bis zu 10 Millionen Buddhisten von den muslimischen Kolonialisten ermordet wurden (den Schlusspunkt setzten die Taliban mit der Sprengung der berühmten Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan im Jahr 2001).
Ebenfalls um 710 begannen erste muslimische Überfälle auf Indien. Mahmud von Ghazni (998–1030) führte insgesamt 17 Feldzüge das Industal, wobei die Kavallerie der Invasoren sich dem indischen Fußheer mit seinen Elefanten häufig überlegen zeigte. Den Islamgläubigen gelang es so, sich in Nordwestindien festzusetzen und um 1200 das Sultanat von Delhi zu gründen, das große Teile Nordindiens umfasste. Nach innermuslimischen Konflikten folgte im frühen 16. Jahrhundert das islamische Mogulreich, das große Teile Indiens beherrschte und bis zur britischen Übernahme 1858 Bestand hatte.
Indien unter dem Islam
Je nach Region stand Indien also bis zu 700 oder 800 Jahre unter muslimischer Herrschaft. Durch die zahlreichen militärischen Konflikte und die Repressalien sollen über die Jahrhunderte an die 70 Millionen Hindus von den Islambefolgern ums Leben gebracht worden sein. Zwei Millionen Inder wurden als Sklaven in islamische Gebiete verschleppt, hauptsächlich junge Frauen und Mädchen (Männer oft erst nach einer Kastration, wobei viele verbluteten).
Wie überall unter islamischer Herrschaft mussten die „Ungläubigen“ die „Jizya“, eine Sondersteuer zahlen. Viele hinduistische Klöster und Tempel wurden zerstört. Das Mogulreich war zeitweise liberaler als das Sultanat von Delhi, so wurde im 16. Jahrhundert die Jizya für Hindus vorübergehend ausgesetzt. Besonders ab 1679 wurde wieder ein scharfer Kurs gefahren: Wiedereinführung der Jizya, Zerstörung von Hindu-Tempeln, Verbot von Pilgerfesten, Scharia als Grundlage des Rechtswesen.
Islamisierung
Ziel war ohnehin die Islamisierung des Landes, die wie auch in Nordafrika und im Nahen Osten über mehrere Schienen lief: 1) Ansiedlung von Muslimen als herrschende Schicht, 2) Raub von ungläubigen Mädchen, die als Dritt- oder Viertfrauen von Islambefolgern die Demografie in die muslimische Richtung bewegen, 3) ökonomischer und gesellschaftlicher Druck durch Jizya und ständige Demütigung der Ungläubigen. Dazu kam in Indien ein vierter Punkt, nämlich das veraltete Kastenwesen, das den untersten Kasten ein elendes Leben zuwies und sie dazu motivierte, zum Islam zu konvertieren.
Diese Mechanismen führten über die Jahrhunderte zu einer schleichenden Islamisierung des Landes, mit den Schwerpunkten im späteren Pakistan und Bangladesch. Sie sind die Wurzel der heute insgesamt 570 Millionen Muslime am indischen Subkontinent. Und sie haben sich als integraler Bestandteil der islamischen Kolonialisierung tief in das kollektive historische Gedächtnis der Hindus eingegraben. So wie Serben oder Griechen am Balkan oder wie die buddhistische Mehrheitsbevölkerung in Burma wissen die Hindus und Sikh in Indien sehr gut, was muslimische Herrschaft in der Praxis bedeutet. Und das hinduistische Reich von Vijayanagar in Südindien gilt vielen Hindus bis heute als Symbol des Widerstandes gegen die islamische Kolonialherrschaft.
Die Hindus unterscheiden sich damit von vielen „postkolonialistischen“ naiven Europäern und Nordamerikanern. Und so ist kein Zufall, dass es in den USA oder Britannien oftmals konservative Politiker mit indisch-hinduistischen Wurzeln sind, die klare Worte zum Islam finden.
Ram-Tempel und Babri-Moschee
Indien hat eine doppelte Kolonialherrschaft hinter sich, eine kurze britische und eine lange muslimische. Letztere kommt auch in modernen Konflikten in Indien immer wieder zum Ausdruck, sehr dramatisch 1992 um eine Moschee in Ayodhya, die 1528 auf Befehl des Mogulherrschers Babur auf den Grundfesten eines von den islamischen Eroberern zerstörten Hindu-Tempels errichtet wurde. Dem hinduistischen Glauben nach soll an diesem Ort vor 900.000 Jahren Rama, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, geboren worden sein.
Heilige Orte der Unterworfenen für den Islam in Besitz zu nehmen und zu überschreiben, war bei der muslimischen Expansion gängige Praxis. So errichteten Islamgläubige nach der Eroberung Jerusalems ab 638 ihre Moschee ausgerechnet dort, wo (vor der römischen Zerstörung 70 n. Chr.) der jüdische Tempel gestanden hatte. Und aus der Hagia Sophia in Konstantinopel, der wichtigsten Kirche der orthodoxen Christen, machten die osmanischen Herrscher 1453 umgehend eine Moschee.
Während das europäisch-liberale Israel immer entgegenkommend war und eine Ersetzung der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem durch einen neuaufgebauten Tempel nie angedacht hat, sind Hindu-Nationalisten weniger zurückhaltend. Im Dezember stürmten 100.000 Aktivisten das Gelände der Babri-Moschee in Ayodhya und zerstörten das Gebäude. Bei den Unruhen kamen etwa 2000 Menschen ums Leben. In der Folge wurden vom indischen Staat zahlreiche Beteiligte verhaftet und Organisationen verboten, 2019 die heilige Stätte aber den Hindus zugesprochen und 2024 ein großer Tempelkomplex eröffnet.
Religiöse Teilung des Subkontinents
Die indische Unabhängigkeitsbewegung gegen die britische Herrschaft war seit Ende des 19. Jahrhunderts von der säkular ausgerichteten Kongresspartei dominiert. Sie strebte einen demokratischen Staat an, in dem Hindus, Muslime, Buddhisten, Sikh und Christen gleiche staatsbürgerliche Rechte haben sollten. Dem stellte sich ab 1906 die Muslimliga entgegen, die einen eigenen muslimischen Staat forderte.
Sie sollte sich schließlich durchsetzen – und mit dem Abzug der Briten 1947 Pakistan bekommen, bestehend aus dem heutigen (West-) Pakistan und aus Ostpakistan (später Bangladesch). Im Verlauf des Teilungsprozesses kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die zum Tod von etwa einer Million Menschen führte. Etwa 20 Millionen wurden im Zuge der Aufteilung Britisch-Indiens deportiert, vertrieben oder umgesiedelt.
Beidseitige Vertreibungen?
Anders als im medialen Mainstream meist dargestellt, haben dabei nicht beide Seiten gleichermaßen irgendwie „unschön“ agiert. Übergriffe gab es sicherlich von beiden Seiten, dennoch bestehen erhebliche Unterschiede.
Die meisten Muslime haben Indien verlassen, weil sie es nicht akzeptabel finden, in einem von Ungläubigen dominierten Staat zu leben. Dass es für Islamgläubige möglich war, in Indien zu bleiben, zeigt die Tatsache, dass heute in Indien mit 180 Millionen 14 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind.
Umgekehrt wurde Pakistan rigoros von Ungläubigen gesäubert, sodass heute nur noch 2 Prozent der pakistanischen Bevölkerung Hindus sind, die im explizit islamischen Staat Pakistan ihre Religion nicht öffentlich ausüben dürfen. Dass sich muslimischer Hass auf Ungläubige nicht nur gegen die verfeindeten Hindus richtete, zeigt die Minderheit der Sikh, deren Angehörige in Pakistan 1947 ermordet, vergewaltigt, beraubt und nach Indien vertrieben wurde, wo sie als eigene religiösen Gruppe gedeihlich leben kann.
Natürliches Bündnis zwischen Israel und Indien
Teilweise in Zusammenhang mit dem Territorialkonflikt um die Region Kaschmir ist es bereits zu mehreren Kriegen zwischen Pakistan und Indien gekommen, nämlich von 1947 bis 1949, 1965 und 1971. Dazu kamen 1999 der kriegsähnliche Kargil-Konflikt und schließlich die militärischen Auseinandersetzungen im Frühjahr 2025.
Aufgrund des jahrhundertealten Konfliktes mit dem Dschihadismus, wiederholten Terroranschlägen durch extremistische Islamgläubige und der ständigen Bedrohung durch Pakistan, einer islamistischen Diktatur, hat Indien ein natürliches Interesse an verlässlichen Bündnispartnern. Da ist die strategische Zusammenarbeit mit Israel völlig logisch. Dasselbe gilt umgekehrt für Israel, das durch die Zusammenarbeit mit der Großmacht Indien auch die Abhängigkeit von den USA etwas reduzieren kann.
