Die Sünden an den Grönländern: Europa verhandelt weiter über die Köpfe der Inuit hinweg

Symbolbild: vadim.nefedov / freepik

Die Durchdringung Grönlands durch den dänischen Staat ist eines der am besten dokumentierten Beispiele für europäische Herrschaftsausübung in der Arktis. Zwischen den 1950er und 1990er Jahren setzten die dänischen Behörden eine Reihe bevölkerungspolitischer und sozialtechnischer Maßnahmen um, die in der Forschung heute als systematische Eingriffe in die körperliche Autonomie, die kulturelle Reproduktion und die soziale Kontinuität der Inuit interpretiert werden. Diese Praktiken sind nicht als isolierte historische Episoden zu verstehen, sondern als Ausdruck eines umfassenden Regimes, das Modernisierung, demografische Steuerung und kulturelle Assimilation miteinander verknüpfte.

Von Dr. Peter D. Forgács

Besonders deutlich wird dies im sogenannten IUD-Programm, das zwischen 1966 und 1992 zur Anwendung kam. In diesem Zeitraum wurden mehreren tausend grönländischen Mädchen und Frauen – darunter zahlreiche Minderjährige – ohne informierte Zustimmung intrauterine Verhütungsmittel (Spirale) eingesetzt, um das Bevölkerungswachstum gezielt zu reduzieren (Grønlandskommissionen 2023). Die administrative Logik hinter diesem Programm folgte einer biopolitischen Rationalität, die Inuit-Gemeinschaften als „überbevölkert“ und „entwicklungshemmend“ klassifizierte. Die dänische Regierung hat die Praxis inzwischen offiziell eingestanden, doch die strukturelle Ungleichheit bleibt evident: Inuit-Frauen müssen bis heute selbst für die Entfernung der Spiralen aufkommen, wodurch die Asymmetrie in die Gegenwart verlängert wird.

Bereits zuvor hatte der dänische Staat tief in die familiären und kulturellen Strukturen der Inuit eingegriffen. Das Kinderexperiment von 1951, bei dem 22 grönländische Kinder von ihren Familien getrennt und in Dänemark „umerzogen” wurden, gilt als paradigmatisches Beispiel einer Assimilationspolitik. Die langfristigen Folgen – Sprachverlust, kulturelle Entwurzelung und psychosoziale Traumatisierung – sind in der Forschung umfassend dokumentiert (vgl. Christensen 2019). Parallel dazu führten dänische Behörden in den 1950er bis 1970er Jahren großflächige Umsiedlungsprogramme durch, durch die traditionelle Lebensweisen zugunsten urbaner, industrieller Strukturen aufgelöst wurden. Diese Maßnahmen erzeugten tiefgreifende soziale Verwerfungen, darunter den Verlust kultureller Kontinuität, eine wachsende Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen und eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber psychosozialen Belastungen (Petersen, 2015).

Systematische Benachteiligung

Über diese bekannten Fälle hinaus existieren weitere, historisch gut belegte Praktiken, die das Ausmaß der dänischen Kontrolle verdeutlichen. Die systematische Sprachunterdrückung, insbesondere durch die Einführung des Dänischen als Pflichtsprache in Schulen und Behörden, zielte auf eine langfristige kulturelle Dänisierung der Inuit ab. Diese Politik führte zu einem erheblichen Verlust traditioneller Wissenssysteme und dazu, dass die nachfolgende Generation ihre Muttersprache nur noch eingeschränkt beherrschte (Nuttall 2005). Hinzu kam ein über Jahrzehnte etabliertes Zweiklassen-Lohnsystem, das Dänen strukturell bevorzugte und Inuit systematisch benachteiligte. Diese Form der institutionalisierten Diskriminierung ist in Verwaltungsakten und arbeitsmarktpolitischen Studien umfassend dokumentiert.

Auch die Kontrolle über Jagd- und Fischereirechte war ein zentrales Instrument der Machtausübung. Dänemark regulierte Fangquoten, Exportlizenzen und traditionelle Jagdpraktiken, wodurch die Inuit-Gemeinschaften in wirtschaftliche Abhängigkeit gedrängt wurden. Diese Politik setzte sich in veränderter Form in den europäischen Fischereiabkommen fort und war einer der Gründe für Grönlands Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1985 (Gad 2014). Die Frage der Ressourcenhoheit ist bis heute ein zentraler Konfliktpunkt zwischen Grönland, Dänemark und der Europäischen Union.

Weitere Eingriffe betrafen die Wohnungs- und Siedlungspolitik. Der sogenannte G60-Plan führte zum Abriss traditioneller Häuser und zur verpflichtenden Umsiedlung in moderne Wohnblöcke. Dadurch wurden soziale Netzwerke zerstört und traditionelle Siedlungsformen aufgelöst. Auch im Gesundheitswesen sind invasive medizinische Eingriffe ohne ausreichende Aufklärung dokumentiert, die über das IUD-Programm hinausgehen und eine strukturelle Unterversorgung in abgelegenen Regionen sichtbar machen (UN-Sonderberichterstatter 2014–2021). Schließlich kontrollierte Dänemark bis zur Einführung der Home Rule im Jahr 1979 nahezu alle politischen Entscheidungsprozesse, wodurch die Inuit über Jahrzehnte von substanzieller politischer Repräsentation ausgeschlossen waren.

Zerstörung indigener Identitäten

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die dänischen Praktiken Teil eines größeren arktischen Musters sind. In Kanada führten Residential Schools zu massiver kultureller Entwurzelung. Unfreiwillige Sterilisationen indigener Frauen sind bis in die 1980er Jahre dokumentiert (Truth and Reconciliation Commission of Canada 2015). In den USA zielten Boarding Schools auf die systematische Zerstörung indigener Identitäten ab (U.S. Bureau of Indian Affairs 2022). Russland wiederum koppelte seine Arktispolitik an sowjetische Modernisierungsprogramme, die nomadische Gruppen zwangsweise sesshaft machten und sie in großflächige Rohstoffprojekte einbanden (Fondahl und Wilson 2017). Trotz unterschiedlicher politischer Systeme weisen diese Fälle bemerkenswerte strukturelle Gemeinsamkeiten auf: paternalistische Verwaltungslogiken, Eingriffe in reproduktive und familiäre Strukturen, Assimilationspolitiken und extraktive Ressourcenregime.

Die Unterschiede liegen weniger im Prinzip als im institutionellen Arrangement. Dänemark agierte administrativ und über Jahrzehnte hinweg mit einer besonderen Tiefe der Durchdringung. Kanada und die USA stützten sich auf kirchlich-staatliche Kooperationen. Russland verband Kontrolle mit staatlicher Industrialisierung. Gemeinsam ist allen Fällen, dass die Folgen dieser Eingriffe bis heute nachwirken und die gesellschaftliche Entwicklung der betroffenen Regionen prägen. In Grönland beeinflussen sie die Debatten über Autonomie und Unabhängigkeit ebenso wie das Verhältnis zu Dänemark.

Europa verhandelt weiter über die Köpfe der Inuit hinweg

Die leidvolle Vergangenheit Grönlands ist kein abgeschlossenes Kapitel, sie prägt die gegenwärtigen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozesse. Europa trägt eine historische Mitverantwortung für diese Konstellation, verhandelt jedoch weiterhin über die Köpfe der Inuit hinweg. Grönland wurde in der dänischen Verwaltungspraxis lange Zeit primär als kostenintensiver peripherer Raum behandelt und seine Bevölkerung galt als sozialpolitische Herausforderung, deren „Modernisierung” administrativ gesteuert werden müsse. Erst die wachsende geopolitische Bedeutung der Arktis und das erneute strategische Interesse der Vereinigten Staaten haben die Stellung Grönlands im dänischen politischen Diskurs verändert. Diese Neubewertung erfolgt nicht aus Anerkennung der indigenen Bevölkerung heraus, sondern als Teil einer Konfrontationspolitik gegenüber den Vereinigten Staaten.

Gerade diese Verschiebung macht deutlich, dass die zentralen Fragen der grönländischen Zukunft – Autonomie, Ressourcenhoheit und kulturelle Kontinuität – in einem Spannungsfeld zwischen Altlasten und neuen europäischen politischen Interessen gehandelt werden. Die Herausforderung besteht darin, dass Grönland nicht zum Objekt externer Strategien wird.

Literaturverzeichnis

  • Christensen, Søren 2019: Colonial Childhoods in Greenland. Arctic Anthropology 56 (2): 45–67.
  • Fondahl, Gail; Wilson, Gary 2017: Northern Indigenous Peoples and the Russian State. Vancouver: UBC Press.
  • Gad, Ulrik Pram 2014: Greenland’s Withdrawal from the European Community. A Case of Arctic Sovereignty? Journal of Arctic Politics 6 (1): 1–22.
  • Grønlandskommissionen 2023: Preliminary Report of the Joint Danish–Greenlandic Commission on Historical Reproductive Interventions. Kopenhagen/Nuuk.
  • Nuttall, Mark 2005: Encyclopedia of the Arctic. New York: Routledge.
  • Petersen, Robert 2015: Settlements and Displacement in Greenland. Arctic Review on Law and Politics 6 (2): 159–178.
  • Truth and Reconciliation Commission of Canada 2015: Final Report of the Truth and Reconciliation Commission of Canada. Ottawa.
  • U.S. Bureau of Indian Affairs 2022: Federal Indian Boarding School Initiative Investigative Report. Washington, D.C.
  • UN Special Rapporteur on the Rights of Indigenous Peoples. Reports 2014–2021.

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