In der Silvesternacht 2026 verwandelte sich eine fröhliche Neujahrsparty in der Bar „Le Constellation“ im Nobel-Skiort Crans-Montana in ein flammendes Inferno. Rund 40 Menschen starben, über 115 wurden verletzt. Videos zeigen nicht nur das Chaos, sondern vor allem eins. Gaffer, die filmten, statt zu handeln.
Kommentar von Chris Veber
Mitten in den Feierlichkeiten, kurz nach Mitternacht, nahm das Unheil seinen Lauf. Die Bar im noblen Walliser Ferienort war brechend voll, Feiernde aus aller Welt, Champagner, Musik, aber leider eben auch Wunderkerzen und andere Feuerwerkskörper. Denn nach den bis jetzt bekannten Informationen lösten pyrotechnische Effekte einen Deckenbrand aus. Die billigen Akustikschaumplatten an der Decke fingen Feuer, brannten lichterloh und tropften brennend herab. Dann folgte ein Flashover, eine plötzliche, explosionsartige Ausbreitung des Feuers. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich der Raum in eine Todesfalle.
Die Ermittler sprechen von einem Unfall, keinem Anschlag. Eine schlechte Bausubstanz, brennbare Materialien als Lärmdämmung, möglicherweise nur ein verfügbarer Ausgang lieferten die idealen Zutaten für die maximale Katastrophe. Wenn alle Berichte stimmen, werden die Schweizer Behörden erklären müssen, wie so ein Lokal genehmigungsfähig war. Und ob die Behörden und der Betreiber des Lokals grob fahrlässig gehandelt haben.
Aber die baulichen Versäumnisse und der Leichtsinn der jungen Feiernden, in einem Kellerlokal mit Feuerwerk zu hantieren, sind nur die eine Seite der Katastrophe. Die andere ist das Verhalten der Menschen. Videos aus dem Inneren der Bar, die rasch auf Social Media die Runde machten, zeigen Gäste, die mit erhobenen Smartphones den brennenden Deckenhimmel filmen, während die Flammen schon um sich greifen und die Musik weiter läuft. Kein Aufschrei, keine Warnung, kein Versuch, anderen zur Flucht zu verhelfen. Keine geordnete Evakuation. Stattdessen wurde „Content“ gefilmt. Als wäre das Inferno ein Spektakel für TikTok und Instagram. Als die Gäste den Ernst der Lage realisierten, war es zu spät. Es entstand ein Gedränge, eine Stampede. Wer stolperte, hatte keine Chance mehr.
Another shocking image from Crans-Montana
— Mambo Italiano (@mamboitaliano__) January 1, 2026
Young people left to fend for themselves
No security
No evacuation
Someone, unaware of the danger, keeps dancing
And today there are nearly 50 dead 💔
The management of this place was insanepic.twitter.com/KMlzCNNINc
Draußen zeigte sich dasselbe Bild. Augenzeugen filmten das brennende Gebäude, sahen Gestalten in den Fenstern um Hilfe winken und hielten drauf. Kaum einer organisierte Hilfe, kaum einer rief laut um Hilfe, kaum einer versuchte, den Brennenden zur Hilfe zu kommen. Auf den Videos, die ich leider gesehen habe, waren ganze zwei Menschen zu sehen, die helfen wollten. Zwei. Ansonsten nur gezückte Kameras. Selbst als Menschen brennend heraus stolperten, zoomten die Gaffer heran, statt Löschversuche zu starten oder Erste Hilfe zu leisten.
Für mich persönlich ist das ein Symptom einer tiefen Dekadenz unserer Gesellschaft. In einer Welt, in der jeder Moment für Likes und Views optimiert wird, verliert die Menschlichkeit ihren Wert. Der Nächste wird zur Kulisse, das Leid zum viralen Stoff. Wir konsumieren Katastrophen, statt einzugreifen, aus Bequemlichkeit, aus der kranken Sucht nach digitaler Bestätigung. Crans-Montana zeigt uns den gaffenden Menschen der Moderne, technisch perfekt vernetzt, menschlich völlig abgestumpft.
Können wir bitte die verdammten Handys weglegen, wenn Leben auf dem Spiel stehen. Wenn unsere Gesellschaft nicht wieder lernt, sich gegenseitig zu unterstützen und zu helfen, statt nur dumm zu gaffen und zu filmen, dann haben wir den Untergang wahrlich verdient.
