China, Taiwan und die geopolitische Dimension

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China hat zum Jahresende 2025 wieder einmal die Muskeln spielen lassen. Bei der Militärübung “Justice Mission 2025” umkreiste die Volksbefreiungsarmee Taiwan mit scharfer Munition, Raketenstarts und allem, was der PLA-Fuhrpark hergibt. Während in Wien und Berlin die Kommentatoren sich auf Selenskyj und die Ukraine konzentrieren, zeigt Peking der Welt, wo künftig die Musik spielt: im Indo-Pazifik, nicht im Donbass.

Für die kommunistische Führung ist die Taiwan-Frage eine interne Angelegenheit, zumal sowohl Peking als auch Taipeh an der “Ein-China-Politik” festhalten. Beide Regierungen sehen sich als die legitime Führung ganz Chinas. Wären die westlichen Regierungen konsequent, würden sie nicht die Volksrepublik China als Staat anerkennen, sondern die Republik China (Taiwan). Doch so beschränkt man sich auf Waffenlieferungen (also die USA), wirtschaftliche Beziehungen und gelegentliche Fahrten mit Kriegsschiffen durch die Taiwan-Straße.

Taiwan als Spielball der Großmächte

Doch die Militärübungen rund um die Insel sind nur der sichtbare Teil des Eisbergs. Die eigentliche Strategie ist weniger das militärische Feuerwerk und mehr eine geopolitische tektonische Plattenverschiebung. China verfolgt seit Jahren eine Anti-Zugangs-Doktrin, um die amerikanische Machtprojektion in der Region zu behindern. Flugzeuge und Schiffe im Dutzend sind nicht nur Drohkulisse, sondern Teil einer militärischen Choreografie, die Lieferwege, Blockaden und die Kontrolle maritimer Zugänge durchspielt. Die Simulation einer Blockade Taiwans ist kein beiläufiges Szenario, sondern das Kernstück einer Seemachtstrategie, die darauf abzielt, die erste Inselkette zu dominieren und die USA auf Distanz zu halten. Wer die Seewege kontrolliert, kontrolliert nicht nur Container, sondern auch strategische Bewegungsfreiheit, und genau darum geht es: Handelsmacht als militärischer Hebel.

Parallel dazu baut China seine wirtschaftliche Einflusszone aus, als wäre der Pazifik ein Freiluft-Schachbrett. Mit RCEP, der Belt and Road Initiative und globalen Investitionskorridoren schafft Peking wirtschaftliche und finanzielle Abhängigkeiten. Der Westen träumt von einem “freien und offenen Indo-Pazifik”, während China Fakten schafft: Häfen, Kredite, Infrastruktur und Lieferketten, die langfristig politische Loyalitäten formen. Das Konzept der “Gemeinschaft mit geteilter Zukunft” ist dabei keine romantische Weltpolitik, sondern ein Ordnungsentwurf, der Pekings Rolle als Zentrum einer multipolaren Machtarchitektur verankern soll. Washingtons Antwort – QUAD, AUKUS, bilaterale Sicherheitszusagen – wirkt dagegen oft wie ein Flickenteppich, der militärisch stark, ökonomisch aber weniger attraktiv ist als Chinas Scheckbuch. Pekings Macht wächst nicht nur, weil es Raketen hat, sondern weil es Rechnungen bezahlen kann.

Für die Europäische Union ist diese Entwicklung ein geopolitisches Dilemma. Die Europäer mögen militärisch im Pazifik nicht sonderlich präsent sein, doch sie sind wirtschaftlich längst Teil des Spiels. Halbleiter, Lieferketten, Exportmärkte und maritime Sicherheit sind keine regionalen Randnotizen, sondern die Grundlage industrieller Stabilität. Wenn Taiwan unter Druck steht, steht Europas Chip-Versorgung auf dem Spiel, und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, die ohnehin von politischer Fehlsteuerung gebeutelt ist. Washington erwartet europäische Rückendeckung im Indo-Pazifik, nicht aus sentimentaler Verbundenheit, sondern weil die Sicherheitsarchitektur global vernetzt ist. Wer glaubt, dass der Pazifik ein fernes Problem ist, hat die Logik der Handelsmacht nicht verstanden. Die USA definieren diese Logik seit Jahrzehnten, und China fordert sie nun frontal heraus.

Ein Kampf um ein neues globales Machtzentrum

Während die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump sich einerseits langsam vom Interventionismus und vom Internationalismus verabschieden, gilt in Washington weiterhin der Anspruch, eine geopolitische Ordnungsmacht sein zu wollen. Man darf nicht vergessen, dass die indopazifische Region rund 60 Prozent der Weltbevölkerung, etwa 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung und auch gut zwei Drittel des weltweiten Wachstums repräsentiert. Hier spielt die Musik der Zukunft und China ist mittendrin.

Doch die Europäer folgen lieber weiterhin den globalistischen Ideen und glauben, Russland in die Knie zwingen zu müssen. Doch damit binden sie Moskau nur noch enger an Peking und sorgen dafür, dass dem Reich der Mitte die zum Machtausbau benötigten Ressourcen niemals ausgehen werden. Gleichzeitig wird die kommunistische Führung in Peking es nicht zulassen, dass sie ihren wichtigsten Partner im Kampf um eine neue, multipolare Weltordnung verliert. Auch Indien, ebenfalls eine asiatische Großmacht, spielt seine eigenen Karten entsprechend den nationalen Bedürfnissen aus. Und die Europäer? Diese sitzen auf einem an Ressourcen armen Kontinent, verzocken den Wohlstand vergangener Zeiten und wollen ebenfalls mitmischen. Doch im Rest der Welt fragt man sich, was man mit dem “alten Kontinent” überhaupt tun soll, dessen wirtschaftliche und politische Rolle von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter schrumpft.

Das indopazifische Zentrum, welches in den kommenden Jahrzehnten eine immer größer werdende Rolle einnehmen wird, ist außerhalb der Reichweite der europäischen Westentaschen-Napoleons. Gefangen in ideologischen Grabenkämpfen, sich an Russland festbeißend und innerlich (sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich) erodierend, wird die Europäische Union selbst als “Vereinigte Staaten von Europa” (oder sollte man besser EUdSSR sagen?) bis zum Ende dieses Jahrhunderts nur mehr eine Weltregion von vielen sein. Nichts Besonderes mehr, weil die regierenden Parteien ihre eigenen Länder kollektiv an die Wand fahren.

Und wenn China sich Taiwan holt, werden weder die Amerikaner noch die Europäer wirklich etwas dagegen unternehmen können. Der Pazifik ist aufgrund seiner schieren Größe ein logistischer Albtraum und auch die Alliierten der Vereinigten Staaten in der Region werden sich dafür nicht in einen Krieg stürzen wollen. Für Peking jedoch, welches die Insel als Teil der ersten Verteidigungslinie braucht, ist die Stoßrichtung klar: Sicherung der Küsten und der Meeresgebiete vor dem Festland. Damit sollen auch die maritimen Handelswege (insbesondere in den Nahen Osten und nach Afrika) gestützt werden. Der Einfluss Washingtons in der Region bleibt jedoch begrenzt und jener Europas (der alten Kolonialmächte) ist so marginal, dass er ohnehin keine Rolle spielt.

Taiwan ist erst der Anfang

Egal was die Vereinigten Staaten, die Europäische Union oder auch die NATO sagen, am Ende wird der Druck Pekings dazu führen, dass Taiwan Teil eines Vereinigten Chinas wird. Ist dieses Projekt erst durchgezogen, erfolgt der weitere Ausbau der Kontrolle Pekings über die gesamte Region. Japan und Südkorea werden nicht dazu in der Lage sein, ein wirkliches Gegengewicht zu bilden. Ebensowenig die südostasiatischen Staaten. Am Ende wird es das Dreieck China-Indien-Russland (letzteres vor allem als Rohstofflieferant und als Entwickler von Militärtechnik) sein, welches über den Indo-Pazifik – und damit über die wirtschaftlich bedeutendste Region dieses Jahrhunderts – bestimmt.

Taiwan ist ein zentraler Schlüssel für das Regime in Peking. Hierbei geht es nicht nur um territoriale Ansprüche (die übrigens beide Seiten gegenseitig haben), sondern um regionalpolitische Macht und um Kontrolle über die wohl wichtigste Wirtschaftsregion der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Doch diese geopolitische Weitsicht fehlt den Europäern.

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