Vier Milliarden Dollar will Audi in den USA investieren, 4.500 neue Arbeitsplätze sollen entstehen. In Deutschland fallen bis 2029 dagegen bis zu 7.500 Stellen weg, und das traditionsreiche Werk Neckarsulm kämpft um seine Zukunft. Audi-Chef Gernot Döllner verkündete die amerikanischen Fabrikpläne persönlich auf Donald Trumps Wahlkampfbühne. Dabei steht die endgültige Zustimmung des VW-Aufsichtsrats noch aus.
Donald Trump bekam am Samstag in Perry im US-Bundesstaat Georgia ein prächtiges Wahlkampfgeschenk serviert. Audi-Chef Gernot Döllner war eigens angereist, um vor den jubelnden Trump-Anhängern den Bau des ersten eigenen Audi-Werks in Amerika anzukündigen. Bis zu 200.000 Premium-SUVs sollen dort jährlich vom Band rollen. Baubeginn ist für 2027 vorgesehen, der Produktionsstart Anfang der 2030er Jahre. Der US-Präsident konnte sich damit wenige Tage vor den Kongresswahlen am 3. November den nächsten Erfolg seiner America-First-Politik auf die Fahnen schreiben.
Kampf um den Wirtschaftsstandort
Nur hat Döllner seine Rechnung ohne den VW-Aufsichtsrat gemacht. Denn dieser muss das milliardenschwere Projekt erst noch genehmigen. Die IG Metall verlangt vorher verbindliche Zukunftsperspektiven für die bestehenden Standorte in Europa. Gewerkschaftschefin Christiane Benner sieht den Vorstand in der Bringschuld, Audi-Gesamtbetriebsratschef Jörg Schlagbauer fordert ebenfalls Klarheit für Ingolstadt und Neckarsulm. In Amerika wird also bereits gejubelt, während die Konzernführung in Deutschland immer stärker unter Druck steht.
Für die deutschen Beschäftigten geht der Sparkurs unterdessen weiter. Bis Ende 2029 sollen bis zu 7.500 Arbeitsplätze verschwinden, vor allem in Verwaltung und Entwicklung. Der sozialverträgliche Stellenabbau wurde bereits im März 2025 vereinbart und gehört zu einem Sparpaket, das jährlich mehr als eine Milliarde Euro einsparen soll. Doch Anfang Oktober zog die Konzernführung auch noch die sogenannte Schlechtwetterklausel, um weitere Einschnitte auszuhandeln. Die bisher vereinbarten Opfer der Belegschaft reichen dem Management offenbar nicht aus.
Deutschland strauchelt, die USA boomen
Besonders hart trifft es das traditionsreiche Werk Neckarsulm. Mehr als 15.000 Menschen arbeiten dort, doch die Produktion schwächelt. Im vergangenen Jahr liefen nur noch rund 181.000 Fahrzeuge vom Band, ausgelegt ist die Fabrik für etwa 225.000. Ab November wird auch noch die Nachtschicht gestrichen. Rund 1.200 Beschäftigte müssen dadurch auf entsprechende Schichtzulagen verzichten. Und bis Ende Juni 2027 soll der Standort seine Kosten so weit senken, dass der Konzern überhaupt über neue Modelle für die Zeit nach 2033 verhandeln will. Ohne Folgeaufträge droht der Fahrzeugproduktion das Aus.
In den USA rechnet Audi dagegen mit neuen Wachstumschancen. Dort hat der Konzern bislang keine eigene Fabrik und muss seine Fahrzeuge importieren. Allein 2025 belasteten die amerikanischen Zölle das Audi-Ergebnis nach Konzernangaben mit rund 1,2 Milliarden Euro. Trumps Handelspolitik setzt den Herstellern damit einen kräftigen Anreiz, ihre Autos direkt in Amerika zu bauen. Für Audi ist die geplante Fabrik in Georgia also auch eine Möglichkeit, Zollkosten zu reduzieren und den wichtigen US-Markt besser zu bedienen.
Kaum mehr Investitionsbereitschaft
Während Trump ausländische Unternehmen zur Produktion in Amerika drängt, macht die deutsche Politik den eigenen Industriestandort mit hohen Energiekosten, Bürokratie und klimapolitischen Auflagen immer teurer. Hinzu kommen die CO2-Flottengrenzwerte der EU und die milliardenschweren Investitionen in die Elektromobilität. Die Konzernvorstände haben diesen Kurs jahrelang bereitwillig mitgetragen. Nun treffen diese von der Politik vorgegebene strategischen Fehlkalkulationen auf sinkende Absätze und eine immer aggressivere chinesische Konkurrenz. Gespart wird am Ende bei den Beschäftigten.
Dass dies weit über Audi hinausgeht, zeigt das Energiewende-Barometer 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Rund 40 Prozent der befragten Industriebetriebe beschäftigen sich mit einer Verlagerung von Investitionen oder Produktionskapazitäten ins Ausland, haben entsprechende Maßnahmen eingeleitet oder bereits umgesetzt. Bei großen Industrieunternehmen sind es sogar 60 Prozent. Weitere 35 Prozent der Industriebetriebe verschieben notwendige Investitionen in ihre Kernprozesse, weil ihnen die hohen Energiekosten das Geld dafür aus der Tasche ziehen. Die ideologisch motivierte grüne Transformation wird für zahlreiche Unternehmen zunehmend zur finanziellen Belastungsprobe.
Eine ungewisse Zukunft
Audi verweist immerhin auf Investitionen von rund acht Milliarden Euro, die bis 2029 für die deutschen Standorte vorgesehen sind. Auch die Beschäftigungssicherung gilt bis Ende 2033. Doch eine solche Garantie hilft dem Werk Neckarsulm auf Dauer wenig, wenn anschließend die Produktionsaufträge fehlen. Das Bekenntnis der Konzernführung, Deutschland und Europa blieben das industrielle Rückgrat von Audi, wird sich deshalb an den künftigen Modellentscheidungen messen lassen müssen.
Während die amerikanischen Behörden bereits die Ansiedlung einer neuen Autofabrik mit Tausenden Arbeitsplätzen feiern, läuft für Neckarsulm die Uhr. Bis Juni 2027 muss das Werk weitere Einsparungen vorweisen, um überhaupt eine Chance auf neue Modelle zu bekommen. Audi-Chef Döllner durfte Trump in Georgia milliardenschwere Zukunftspläne präsentieren. Seiner deutschen Belegschaft hat er vorerst nur weitere Sparvorgaben zu bieten.