Jemen: Warum niemand den Saudis gegen die Huthis ernsthaft hilft und was das geopolitisch bedeutet

Symbolbild: KI

Seit elf Jahren führt Saudi-Arabien erfolglos Krieg gegen die schiitische Miliz der Huthis im Jemen. Zuletzt haben die Dschihadisten nicht nur die komplette jemenitische Rotmeerküste eingenommen, sondern auch saudisches Gebiet angegriffen. Wirkliche Hilfe kommt für die Saudis weder von den Verbündeten Türkei und Pakistan noch von Ägypten und den USA. Mit dem Rücken zur Wand scheinen sich die Saudis ausgerechnet an Israel gewandt zu haben.

Im September 2026 hat die Huthi-Miliz auch die Hafenstädte Mokka und Dhubab sowie das umliegende Gebiet erobert. Sie beherrscht damit die gesamte jemenitische Rotmeerküste und sie hat zusätzlich die Inseln Perim, Groß- und Klein-Hanisch und Zugar eingenommen. Sie kontrolliert damit die strategisch wichtige Meerenge Bab al-Mandab.

Für Saudi-Arabien ist das eine Katastrophe. Denn da die Straße von Hormus angesichts des Iran-Konfliktes nicht voll benutzbar ist, wurde für die Saudis die große Pipeline, die die großen Erdölfelder im Osten des Landes mit dem Exporthafen Yanbu am Roten Meer verbindet, immer wichtiger. Sie ist 1200 Kilometer lang und kann 7 Millionen Barrel Rohöl pro Tag transportieren.

Wenn Bab al-Mandab gesperrt ist, können die Saudis nur noch durch den Suez-Kanal nach Westen exportieren. Der asiatische Markt hingegen ist dann zu.

Der lange Krieg der Saudis gegen die Schiitenmiliz

Seit elf Jahren kämpft Saudi-Arabien gegen die vom Iran unterstützten Dschihadisten im Jemen. Die international anerkannte Regierung wurde von den Saudis finanziert und militärisch ausgerüstet. Und die Saudis griffen selbst mit ihrer Luftwaffe in den Krieg ein. Trotz hunderttausender Toten konnten die Saudis keine Erfolge erzielen.

Mehr noch: Zuletzt griffen die Huthis mit Drohnen verstärkt die erwähnte Pipeline, den Ölhafen Yanbu und weitere Einrichtungen der saudischen Ölindustrie an. Dazu kamen Attacken auf einen Luftwaffenstützpunkt, auf einen Armeestützpunkt sowie auf ein Militärlager. Obwohl Saudi-Arabien auf dem Papier den Huthis militärisch weit überlegen ist, scheint das Königshaus mittlerweile ratlos und verzweifelt.

In den vergangenen zwei Tagen haben die jementischen Regierungstruppen, mit saudischer Luftunterstützung, wieder mal eine Gegenoffensive begonnen und dabei angeblich Gebiete um Dhubab eingenommen. Die Huthis bestreiten das. Es wird sich zeigen, ob die aktuellen Kämpfe anders ausgehen als die vergangenen.

Die Situation im Jemen

Viele Leute, die nur die Landkarte ansehen, denken, dass Saudi-Arabien nicht nur flächenmäßig größer ist als der Jemen, sondern auch deutlich mehr Einwohner hat. In Wahrheit leben im saudischen Königreich 35,5 Millionen Menschen, im Jemen aber 43 Millionen.

Die Huthis kontrollieren etwa 35 Prozent des jemenitischen Staatsgebiets, in dem aber 80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung leben. Damit herrschen sie über etwa ebenso viele Menschen wie die Saudis. Es handelt sich um den westlichen Teil des Landes mit der Hauptstadt Sanaa, in dem die Schiiten konzentriert sind. Die international anerkannte Regierung kontrolliert den flächenmäßig größeren, aber dünner besiedelten Osten des Landes mit der De-facto-Hauptstadt Aden.

Eine nur scheinbare Überlegenheit der Saudis

Saudi-Arabien hat mit 80 Milliarden pro Jahr ein gigantisches Militärbudget. Es hat etwa 300.000 Soldaten, davon 30.000 in der Luftwaffe. Diese besitzt über 900 Luftfahrzeuge, darunter 230 amerikanische F‑15-Kampfflieger. Dazu kommen etwa 1100 Panzer, davon 450 amerikanische Abrams und 370 Patton.

Allerdings ist die saudische Armee ziemlich unerfahren in tatsächlichen Kriegseinsätzen. Über 100.000 Soldaten gehören zur Nationalgarde („weiße Armee“), die nur für den Schutz des Königshauses, der heiligen Stätten sowie der Erdölanlagen ausgebildet ist. Das eigentliche Heer hat gerade einmal 80.000 Soldaten. Außerdem besteht die militärische Führung überwiegend aus Angehörigen des Königshauses sowie anderen Günstlingen, deren Kompetenz mäßig zu sein scheint. Zudem gibt es immer wieder Berichte über Korruption und ineffiziente Befehlsketten.

Das militärische Profil der Huthis

Die Huthis hingegen verfügen lediglich über ein paar Dutzend alte Panzer der jemenitischen Armee und über keine Luftwaffe. Ihre Schlagkraft in der Luft basiert stattdessen auf Tausenden von Drohnen (UAVs) wie der Samad- und Wa’id-Familie sowie einem massiven Arsenal an ballistischen Raketen und Marschflugkörpern, die meist mit iranischen Komponenten im Jemen zusammengebaut werden. Zudem verfügen sie über effektive Flugabwehrraketen (wie das modifizierte Fater-1-System).

Und die Huthis organisieren in ihrer Miliz (nach verschiedenen Schätzungen und Angaben) 200.000 bis 300.000 Kämpfer. Das sind kampferprobte dschihadistische Fanatiker, die das Terrain im jemenitischen Bergland bestens kennen. Gegen sie in einer etwaigen Bodenoffensive anzutreten, wäre für die saudische Armee (trotz weitgehender Luftüberlegenheit) eine riskante und vermutlich opferreiche Sache.

Der „Mekka-Verteidigungspakt“

Erst Anfang August hatten die Saudis mit der Türkei und Pakistan ein Militärbündnis abgeschlossen. Es wurde wegen der Symbolwirkung in Mekka abgeschlossen und vielfach als „islamische NATO“ bezeichnet. Die Finanzkraft der Saudis sollte sich mit der 500.000-Mann-starken Armee und der leistungsfähigen Rüstungsindustrie der Türkei (88 Millionen Einwohner) und der 700.000-Mann-starken Armee und den Atomwaffen Pakistans (255 Millionen Einwohner) verbinden.

Die Armee der Türkei ist kriegserfahren in Syrien und den eigenen Kurdengebieten, die von Pakistan in den Konflikten in Kaschmir sowie mit den Taliban. Aber nun, da der Verbündete Saudi-Arabien in ernsten Problemen steckt und sogar sein Territorium aus dem Jemen angegriffen wurde, haben Ankara und Islamabad wochenlang keinen Finger gerührt. Auf angebliche Hilferufe aus Riad wurde lange nicht reagiert.

Das stellte die Relevnz des großspurig angekündigte Militärbündnisses schon Wochen nach seiner Gründung in Frage. Gestern wurde nun angekündigt, dass die Türkei und Pakistan Soldaten in Saudi-Arabien stationieren würden. Über die Anzahl wurden keine Angaben gemacht. Es soll aber nur um „Unterstützung“ gegen, nicht um Kampfeinsätze gegen die Huthis. Damit ist sehr fraglich, ob das den Saudis real etwas bringt – oder es sich mehr eine PR-Aktion handelt, um das Mekka-Bündnis nicht sofort zu beerdigen.

„Undankbares“ Ägypten

Die Saudis haben Berichten zufolge auch in Ägypten um Hilfe angefragt. Saudi-Arabien hat Ägypten immer wieder aus seinen chronischen Finanzkrisen gerettet und seit 2011 mit Finanzhilfen, Krediten und Zentralbankeinlagen in zweistelliger Milliardenhöhe unterstützt, um es wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren.

Ägypten hat 120 Millionen Einwohner, 450.000 aktive Soldaten und eine sehr starke Marine mit über 300 Schiffen und 20.000 Soldaten. Trotzdem war es nicht bereit, dem großzügigen „Freund“ auf der anderen Seite des Roten Meeres zu helfen. Die Aussicht auf Huthi-Raketen, die sich gegen den Suez-Kanal oder den ägyptischen Tourismus am Roten Meer richten, war wohl wenig verlockend.

Gründe für die Zurückhaltung der USA

Auch die US-Regierung hat die Saudis mit ihrer Bitte um Hilfe auflaufen lassen. Lediglich Unterstützung mit Satellitendaten wurde zugesagt. Vielmehr haben sich die USA offenbar bei einem Treffen mit den Huthis am 13. September im Oman auf ein Angebot der Dschihadisten eingelassen. Dafür, dass sich die USA nicht im Jemen einmischen, greifen die Huthis in der Meerenge keine amerikanischen, israelischen oder anderen westlichen Schiffe an. Für die saudischen Schiffe gilt der Deal allerdings nicht.

Washington steht wohl auf dem Standpunkt, dass man die Saudis in großem Umfang mit der bestmöglichen Militärtechnologie ausgestattet hat und man nicht einsieht, warum die USA das mit ihren Kapazitäten für das Königshaus regeln sollen. Auch deshalb, weil die US-Luftabwehrkapazitäten durch den Iran-Krieg schon geschwächt sind und man das verbleibende Potenzial selbst braucht bzw. wieder aufstocken muss.

Dazu kommt der mutmaßliche Hauptgrund: Die Formierung des „Mekka-Militärpakts“ war aus der Sicht der USA ein unfreundlicher Akt gegen den Westen. Wenn Riad so etwas tut, dann soll es sich – so die Botschaft und Lehre aus Washington – bei Schwierigkeiten auch an seine neuen Freunde wenden! Und sehen, ob die zu echter Hilfe bereit sind oder nur zu leeren Worten.

Israel als einzige Hilfe?

Nachdem das saudische Königshaus von Ankara, Islamabad, Kairo und Washington keine Hilfe bekam, hatte es offenbar nur noch eine Option offen. Und so hatte Riad vor etwa zwei Wochen in Tel Aviv angerufen. Und tatsächlich waren die Israelis die einzigen, die sofort zu Unterstützung bereit waren. Konkret dürfte es dabei nicht um ein direktes Eingreifen des hocheffizienten israelischen Militärs gehen.

Die Saudis haben Israel Berichten zufolge um Telemetrie-Daten gebeten. Der israelische Geheimdienst verfügt über Tracking-Daten der Huthi-Drohnen, kennt ihre Flugbahnen und Flugmuster. Und die Israelis sind offenbar so gut über die Vorgänge im Jemen informiert, dass sie Ende August bei einem einzigen Militärschlag die halbe Huthi-Regierung ausgeschaltet haben – etwas, das die Saudis in elf Jahren Krieg nicht geschafft haben.

All diese Kompetenz aus Israel brauchen die Saudis nun dringend. Perspektivisch könnte Israel – wie in den VAE – auch in Saudi-Arabien ein Luftabwehrsystem einrichten, das von Israelis bedient wird und von dem auch die Israelis selbst gegen Raketen aus dem Jemen profitieren könnten.

Und eine erfolgreiche Zusammenarbeit könnte auch den Weg für eine politische Annäherung bereiten. Perspektivisch für eine Teilnahme der Saudis an den „Abraham-Abkommen“ und damit für die Anerkennung des jüdischen Staates. Dass die Türkei und Pakistan nach langem Nichtstun nun doch halbherzige und eher symbolische Unterstützung für die Saudis proklamieren, dürfte daran liegen, dass sie letzteres verhindern wollen.

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