Nationen haben keine Freunde. Nationen haben keine Moral. Nationen haben Interessen. Und eines der elementarsten Interessen jeder Nation ist die eigene Energieversorgung. Doch dieses Interesse negiert die EU seit Jahren mit einer Konsequenz, die an Selbstzerstörung grenzt. Brüssel opfert die wirtschaftliche Zukunft des Kontinents einem einzigen Land: der Ukraine. Dem einzigen Land, das die europäische Energieinfrastruktur nach dem Zweiten Weltkrieg angegriffen hat. Ohne die Ukraine, aber dafür mit Russland, wäre Europa heute nicht Importeur, sondern Exporteur von Öl und Gas.
Ein Kommentar von Chris Veber
Die EU mit Norwegen und Großbritannien verfügt über rund 9,7 Milliarden Barrel an derzeit förderbaren Ölreserven, der Löwenanteil davon in Norwegen mit etwa 8,1 Milliarden Barrel. Der Vorrat an Erdgas liegt bei circa 2,24 Billionen Kubikmetern. Das reicht bei der aktuellen Produktion für 15 bis 30 Jahre. Die nicht erschlossenen, bereits entdeckten Felder, sogenannte Contingent Resources, liegen vor allem in der Nordsee und der Barentssee. In Norwegen allein machen sie fast 40 Prozent der verbleibenden Ressourcen aus.
Die Gesamtreserven wären aber deutlich größer. Europa verfügt sogar ohne Russland über förderbare Reserven von 10,41 Milliarden Tonnen Öläquivalent. Das entspricht rund 28 Milliarden Barrel Öl und Kondensat sowie 7,1 Billionen Kubikmetern Erdgas. Hinzu kommen 3,23 Milliarden Tonnen Öläquivalent bereits entdeckte, aber noch nicht voll entwickelte Vorkommen. Die noch unentdeckten Ressourcen werden auf weitere 15,19 Milliarden Tonnen Öläquivalent geschätzt, davon über die Hälfte Gas. Zusätzlich hat Europa unkonventionelle Reserven wie Schiefergas und Ölschiefer im Umfang von 51,76 Milliarden Tonnen Öläquivalenten.
Doch diese Vorkommen bleiben größtenteils im Boden. Nicht weil sie nicht da oder nicht förderbar wären. Sondern weil die EU mit ihrem Green Deal auf den Ausstieg aus fossilen Energien setzt. Neue Erschließungen gelten als Klimasünde. Hohe CO₂-Steuern und bürokratische Hürden machen jede Erschließung unrentabel. Norwegen, das nicht in der EU ist, fördert weiter, doch selbst dort wächst der Druck aus Brüssel. Als Ergebnis importiert Europa teures LNG aus den USA und Öl aus dem Nahen Osten, während die eigenen Reserven brachliegen. Europa ist freiwillig immer noch von Importen abhängig, nur eben aus den USA sowie islamischen Diktaturen und nicht mehr aus Russland.
Rechnet man Russland in die Energieversorgung mit ein, dann kippt die (hausgemachte) Energieknappheit endgültig in Richtung Überfluss. Russland allein bringt 80 Milliarden Barrel Ölreserven auf die Waage und etwa 48 Billionen Kubikmeter Erdgas, die größten Gasvorkommen der Welt. Zusammen mit dem Rest Europas ergeben sich 108 Milliarden sofort förderbare Barrel Öl und 55 Billionen Kubikmeter Gas. Das reicht nicht nur für Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte bei voller Nutzung. Nicht erschlossene Felder in Sibirien und der Arktis und unentdeckte Potenziale in Ostsibirien und Offshore-Gebieten vervielfachen diese Zahlen noch einmal. Europa inklusive Russland wäre nicht nur autark bei Gas und Öl, sondern netto Exporteur (vgl. hier und hier).
Europa wäre dann vollständig unabhängig von Importen. Der europäische Ölverbrauch liegt bei rund 14 bis 15 Millionen Barrel pro Tag, die Produktion Russlands plus Norwegens und der Restfelder würde ihn übersteigen. Beim Gas verbraucht die EU etwa 360 bis 370 Milliarden Kubikmeter im Jahr, Russland allein produziert 650 bis 700 Milliarden. Mit norwegischer und britischer Förderung entstünde ein massiver Exportüberschuss. Die Reserven wären also da, die Infrastruktur größtenteils auch, die technischen Möglichkeiten ebenso. Stattdessen hat die EU seit 2022 Russland als Feind behandelt und damit genau das sabotiert, was sie vorgeblich sichern wollte, die eigene Sicherheit, die eigene Energieversorgung.
Nationen haben Interessen. Die EU scheint vergessen zu haben, was das Interesse der EU-Staaten ist. Statt Realpolitik zu betreiben, betreibt sie Moralpolitik auf Kosten der Bürger. Die EU kann ihre eigenen Reserven an Öl und Gas erschließen und fördern und sich für Jahrzehnte von Importen aus den USA (teuer) oder islamischen Diktaturen (unsicher) unabhängig machen. Die EU kann Russland wieder als Partner statt als Feind betrachten (was angesichts des aktuellen EU Personals schwierig wird) und die Versorgung mit Öl und Gas für Jahrhunderte sichern. Aber eines kann die EU nicht. Die eigenen Vorräte im Boden lassen, mit Russland Krieg führen und gleichzeitig (wie in Deutschland und Österreich) Atomenergie verdammen. Das geht sich physikalisch nicht aus.
