Am 1. April 2026 wurde das Pflegeheim „Ambiente Care Seniorenresidenz“ in Laatzen bei Hannover zum Schauplatz eines erschütternden Dramas: Innerhalb von nur 24 Stunden mussten 59 hochbetagte und pflegebedürftige Menschen ihr Zuhause verlassen. Die Heimaufsicht hatte die weitere Nutzung der Einrichtung untersagt.
Der Heimbetreiber Ambiente Care (Sitz in Bayern) gilt als zahlungsunfähig; die Mitarbeiter hatten seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen, ein Großteil des Personals war bereits nicht mehr zur Arbeit erschienen. Zudem soll es Probleme mit Lieferanten gegeben haben, sodass Masken, Einmalhandschuhe und Papierhandtücher in den Ambiente-Care-Häusern fehlten.
Da die Versorgung der Bewohner nicht länger gewährleistet war, hat die Heimaufsicht der Region Hannover die weitere Nutzung der Einrichtung mit bis zu 166 Plätzen untersagt. Erst am Dienstag informierte die Betreiberfirma die Angehörigen über die Situation. Daher hatten sie kaum Zeit, sich auf die plötzliche Kündigung einzustellen. Am Mittwochvormittag mussten die 59 Bewohner ausziehen – bis 14 Uhr sollte die Einrichtung geräumt sein.
Was die alten Menschen in diesen Stunden durchmachten, beschreibt eine Angehörige gegenüber dem NDR als „menschenunwürdige Zustände“. „Es ist das reine Chaos, alle verlassen fluchtartig das Heim“, sagte ein 78-Jähriger, dessen Frau in dem Heim betreut wird. Andere Angehörige sprachen vom „Super-GAU“ und „Horror“. Eine Frau suchte gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in Windeseile eine neue Bleibe für dessen 96-jährige Mutter. Eine weitere Bewohnerin hatte erst kürzlich ihren 103. Geburtstag im Heim gefeiert – jetzt musste auch sie gehen.
Ambiente Care hat bis zum Abend des 1. April weder auf Anfragen von Medien noch auf die Sorgen der Angehörigen reagiert. Die Stadt Laatzen versucht, für die Bewohner neue Plätze in anderen Einrichtungen mit freien Kapazitäten zu finden. Einige konnten bereits in das Heim „Leinetal“ in Grasdorf vermittelt werden. Mehrere pflegebedürftige Bewohner wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht.
Der Betreiber „Ambiente Care“ befindet sich offenbar bereits seit längerer Zeit in einer schweren wirtschaftlichen Schieflage. Wie das Branchenportal „CarVor9“ berichtet, wurden von den ehemals 17 Pflegeheim-Standorten in Deutschland innerhalb von nur einem halben Jahr bereits zehn geschlossen.
Laut Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG) darf ein Heimbetreiber den Vertrag mit den Bewohnern bei einer Schließung des Heims grundsätzlich kündigen. Allerdings nicht von heute auf morgen: Es gilt in der Regel eine Kündigungsfrist von einem Monat (zum Monatsende). Zudem ist der Betreiber verpflichtet, die Bewohner nicht einfach sich selbst zu überlassen. Er muss eine Anschlussversorgung sicherstellen oder einen geeigneten Ersatzplatz organisieren, betont der Sozialverband VdK.
Auch wenn die Schließung des Heims unumgänglich schien, wirft der Umgang mit den Menschen, die dort lebten, ein erbärmliches Licht auf das System: Erst wenn alles zusammenbricht, greift die Behörde ein. Bis dahin dürfen private Betreiber offenbar monatelang Löhne schuldig bleiben. Was in Laatzen passiert ist, ist kein belangloses Verwaltungsversagen. Es ist ein moralisches Versagen gegenüber jenen, die uns früher erzogen und das Land aufgebaut haben. „Menschenunwürdig“ – dieses Wort sollte eine Mahnung sein. Unsere Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren Ältesten umgeht. In Laatzen hat sie versagt.
