Donald Trump und Benjamin Netanyahu haben einen Regimewechsel im Iran ausgerufen. Doch wie realistisch ist das? Welche Varianten gibt es? Welche oppositionellen Kräfte könnten eine Rolle spielen?
Von Eric Angerer
In den vergangenen Jahren waren Operationen zum „Regime Change“ in anderen Ländern meist sehr zweifelhaft, meist Unternehmungen der globalistischen Eliten, die in missliebigen Ländern durch Geheimdienste und dubiose „NGOs“ den Sturz von Regierungen betrieben.
Finanziert war das oft durch George Soros und andere globalistische Oligarchen – von Georgien über die Ukraine bis zu Weißrussland, mit wechselnden Erfolgen. Im arabischen Raum haben diese Kräfte etliche säkulare (autoritäre) Regime zu Fall gebracht, indem sie diverse Islamisten gepusht haben.
Ausgangssituation
Aktuell bezüglich des Iran sieht es anders aus. Die globalistischen Machtzirkel stehen, wie schon im Gaza-Krieg deutlich wurde, keineswegs hinter Israel und auch nicht hinter Trump. Und im Iran geht es um die Unterstützung einer säkularen, mehr oder weniger demokratischen Opposition gegen eine islamfaschistische Diktatur, die seit Jahrzehnten die Vernichtung des jüdischen Staates ankündigt.
Im Iran ist eine Mehrheit von wohl gut 70 Prozent der Bevölkerung gegen die Mullahs eingestellt. Das heißt aber nicht automatisch, dass das Regime stürzen wird. Eine Diktatur kann, wenn sie 20 Prozent der Bevölkerung und verlässliche Unterdrückungsstrukturen hinter sich hat und wenn die oppositionell gestimmte Mehrheit keine Organisationsstrukturen hat, ihre Herrschaft behaupten.
Bereits 2009, 2017/18 und 2019/20 gab es Demokratiebewegungen im Iran, die gewaltsam niedergeschlagen wurden, 2022 dann den sogenannten „Aufstand der Frauen“. Im Januar 2026 wurde dann der neuerlichen Massenbewegung gegen die Diktatur mit blutiger Repression begegnet, wobei wohl zehntausende Menschen massakriert wurden. Werden die aktuellen Auseinandersetzungen wieder so enden?
Im Vergleich zu den genannten Bewegungen und auch zum 12-Tage-Krieg im Juni 2025 ist die Situation nun deutlich verändert. Die USA und Israel setzen jetzt explizit auf einen „Regime Change“. Doch dieser Begriff kann sehr unterschiedliche Dinge bedeuten.
Die schlechteste Option
Die schlechteste Option wäre eine „venezolanische“ Variante in größerem Ausmaß. Die oberste Schicht des Regimes würde eliminiert werden, sein Apparat und seine militärischen Kapazitäten geschwächt. Figuren aus der zweiten Reihe würden übernehmen und zu einem „Deal“ mit Trump bereit sein, der den US-Bedingungen entspricht.
Die iranische Anreicherung von Uran würde, engmaschig kontrolliert, auf die für zivile Zwecke notwendigen 5 Prozent beschränkt (während sie sich aktuell bei 60 Prozent bewegen soll). Das Programm für massenhafte ballistische Raketen würde eingestampft. Die iranische Unterstützung für Terrorgruppen in der Region würde eingestellt.
Das wäre aus mehreren Gründen die schlechteste Option. Das bisherige islamfaschistische Regime mit den Pasdaran (= „Revolutionsgarden“), einer Art islamistischer SS, bliebe geschwächt an der Macht. Der Regimewechsel wäre nur ein Regierungswechsel, eine Auswechselung des Personals.
Nur allzu leicht kann sich das Regime nach einiger Zeit wieder festigen und seinen alten Kurs wieder aufnehmen. Das Problem für die Welt würde auf spätere Generationen verschoben, eine historische Chance verpasst.
Die mehrheitlich säkulare iranische Bevölkerung, die eine Hoffnung für eine nicht-islamistische Entwicklung der Region ist und der man Hoffnung auf einen echten Regimechange gemacht hat, würde verraten. Allerdings hat Trump erst kürzlich die syrischen Kurden dem neuen Al-Kaida-Regime in Damaskus ans Messer geliefert und damit bewiesen, dass er zu einem Verrat an Verbündeten bereit ist.
Dass Trump am 1. März freudig verkündet hat, dass die Nachfolger des toten Ali Khamenei zu Gesprächen bereit seien, ist ein schlechtes Zeichen. Das muss aber noch nichts Entscheidendes bedeuten, denn die Israelis (und auch Teile der US-Administration) wollen sicherlich die einzigartige Chance nutzen und sich nicht mit einem schmutzigen Kompromiss zufriedengeben.
Einmalige historische Chance
Das islamfaschistische Regime der Mullahs stützt sich neben dem ideologischen Staatsapparat, dem Klerus, der Scharia und dem Justizapparat insbesondere auf die Pasdaran, die islamistische SS, mit etwa 200.000 bewaffneten Fanatikern. Sie werden von weiteren etwa 200.000 Mann der paramilitärischen Basidsch-Milizen unterstützt. Die Aufgabe der Pasdaran ist der Schutz der islamistischen Diktatur gegen alle aktuellen und potentiellen Feinde sowie die einschüchternde Präsenz und Kontrolle der Bevölkerung im Sinne des sittendiktatorischen Grundimperativs des Islam.
Wenn Regimechange nicht nur kosmetische Änderungen, sondern einen Systemwechsel bedeuten soll, muss die Macht der Pasdaran gebrochen, ihre Strukturen zerschlagen werden. Die Angriffe der Israelis haben bereits zahlreiche Führungskader der Pasdaran ausgeschaltet und die Angriffe auf ihre Einrichtungen gehen weiter.
Amir Avivi, israelischer General und Sprecher des „Israel Defense and Security Forum“ (IDSF), eines Zusammenschlusses von 34.000 Reserveoffizieren mit guten Verbindungen zu Armeeführung und Regierung, sagte in seinem aktuellen „Briefing“, dass man die iranischen Oppositionellen im Land nicht vorzeitig gefährden wolle und sie erst dann konkret zum Aufstand aufrufen werde, wenn die Pasdaran ausreichend geschwächt seien.
Da stellt sich die Frage, ob es sich bei einem Volksaufstand um eine diffuse, unorganisierte Masse handeln würde oder ob da Strukturen und politische Strömungen vorhanden sind. Aus welchen Kräften besteht die Opposition?
Die beiden vorherrschenden Exilgruppen sind einerseits die Schah-Anhänger und andererseits die sogenannten Volksmudschahedin (oft abgekürzt als MEK), eine ursprünglich marxistisch-islamische Bewegung, die aber seit gut 20 Jahren eng mit den USA kooperiert.
Beide dürften im Land zwar einige Anhänger, aber nur geringe organisierte Strukturen besitzen. MEK und die Schah-Anhänger sind vermutlich beide zu schwach, um einen Volksaufstand anzuführen und ein neues politisches System zu etablieren.
Offensichtlich gibt es unabhängig von den Exilströmungen etliche lokale Oppositionsanführer, die klandestin agieren. Eben weil sie angesichts der blutigen Repression des Regimes sehr geheim agieren müssen, ist wenig über sie bekannt. Sie dürften kaum landesweit vernetzt sein.
Mossad-Strukturen
Aber es kommt noch ein Faktor hinzu. In den vergangenen Jahren entwickelten sich in der iranischen Bevölkerung, vor allem in der jungen Generation, erhebliche Sympathien für Israel – weil es ein modernes Land in der Region ist und der Erzfeind der Mullah-Diktatur. Sara Bazoobandi vom Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien sagte schon während des 12-Tage-Krieges im Juni: „Netanjahu ist aktuell der beliebteste Politiker Irans.“
Auf der Grundlage dieser Stimmung hat der israelische Geheimdienst Mossad in den vergangenen Jahren im Iran starke Strukturen aufgebaut. Während des 12-Tage-Krieges hatte der Mossad eine geheime Drohnenbasis direkt auf iranischem Boden in Betrieb. Von dort aus wurden Sprengstoffdrohnen auf Raketenstellungen nahe Teheran abgefeuert – eine Bedrohung sowohl für strategische als auch für zivile Ziele in Israel. Gleichzeitig schlugen Mossad-Agenten mit präzisionsgelenkten Raketen gegen Luftabwehrsysteme zu – und machten so den Luftraum frei für Israels Kampfjets.
Damals waren angeblich mehr als 50 Mossad-Teams gleichzeitig innerhalb des Iran aktiv – darunter auch iranische Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes. Ihre Mission: Die gezielte Zerstörung aller ballistischen Raketen der Pasdaran, die für Angriffe auf Israel vorbereitet wurden.
Zum Einsatz kamen Spike NLOS-Raketen – hochpräzise Panzerabwehrsysteme mit großer Reichweite. Parallel dazu schlug die israelische Luftwaffe rund um die Uhr gegen Raketenstellungen zu. Insgesamt sollen mehr als 1.300 Iraner an der Operation „Rising Lion“ beteiligt gewesen sein – ein nie dagewesenes Ausmaß an interner Zusammenarbeit gegen das Regime.
Dort, wo es bei den Massenprotesten im Januar Angriffe auf Einrichtungen der Pasdaran gab, kann man davon ausgehen, dass der Mossad direkt oder durch die Bewaffnung beteiligt war. Natürlich ist es möglich, dass im Juni oder im Januar das eine oder andere Mossad-Team zerschlagen wurde oder sicherheitshalber zurückgezogen werden musste.
Dennoch kann man davon ausgehen, dass auch aktuell vor Ort einige Strukturen existieren, die aus Mossad-Kämpfern bestehen oder von ihnen angeleitet werden. Sie sind vermutlich auch mit den lokalen Widerstandsstrukturen vernetzt und warten auf den Einsatz, sobald – wie Avivi angekündigt hat – die Pasdaran ausreichend geschwächt sind.
Das Regime, die Armee und der Widerstand
Ein weiterer Faktor, der zu bedenken ist, ist die iranische Armee. Sie hat etwa 600.000 Mann unter Waffen, war bisher immer dem Regime gegenüber loyal, ist aber bei weitem nicht dermaßen ideologisch fanatisiert wie die Pasdaran und deren Milizen.
Die Armee besteht zu großen Teilen aus normalen Wehrpflichtigen, die sicherlich unter dem Eindruck der Stimmung der Mehrheit der Bevölkerung, ihrer Verwandten und Freunde, stehen. Wenn das Regime wankt, werden viele von ihnen kaum bereit sein, auf das eigene Volk zu schießen. Wenn dann etliche regimeloyale Figuren an der Armeespitze bereits eliminiert wurden, kann es auch im Militärapparat – unter dem Druck der Bevölkerung und der einfachen Soldaten – zu Brüchen kommen.
Zusätzlich hat der israelische Geheimdienst viele Strukturen und Institutionen des iranischen Regimes seit Jahren infiltriert. Wenn der Mossad nicht dumm ist, wird er insbesondere die Armee mit eigenen Leuten durchsetzt haben. Denn diese Offiziere können im geeigneten Moment gemeinsam mit den Widerstandsstrukturen im Volk den Aufstand unterstützen, die Reste der Pasdaran ausschalten und eine bewaffnete Macht zur Absicherung eines Systemwechsels darstellen. Und der Mossad ist vielleicht vieles, aber sicher nicht dumm.
Das ist eine Möglichkeit, aber keineswegs garantiert. Immerhin spielen für die weitere Entwicklung mehrere Faktoren eine Rolle. Einer davon ist, ob Israel und die USA ihre Kampagne zur Zerschlagung der Regimestrukturen konsequent fortsetzen.
Dann wird sich zeigen, wie stark die Strukturen der Islamfaschisten, ihre Kader und ihr Repressionsapparat beschädigt werden – und in der Folge ihre zweifellos noch vorhandene Basis in Teilen der Bevölkerung erodiert. Und dann wird sich zeigen, ob es den großen Teilen der iranischen Bevölkerung, die von den Islamisten längst genug haben, gelingt, sich zu organisieren, das angeschlagene Regime anzugreifen und alternative politische Strukturen aufzubauen.
Iran, Israel und die „Antiimperialisten“
Die Exilopposition mit ihrer schwachen Verankerung in der Bevölkerung vor Ort wird dazu nicht viel beitragen können. Es ist aber möglich und wünschenswert, dass Israel Vorbereitungen getroffen und bereits einen Plan in der Tasche hat.
„Antiimperialistische“ Helfer der Mullah-Diktatur empören sich darüber, dass israelische „Mossad-Agenten“ in der Bewegung die Fäden ziehen würden. Das ist heuchlerisch, denn es handelt sich in der Regel um dieselben Leute, die es völlig in Ordnung finden, wenn Katar, der Iran und die Türkei die propalästinensischen Demos im Westen und generell die Islamisierung Europas finanzieren und orchestrieren.
Ganz im Gegenteil wäre es höchst positiv, wenn Israel einen Regime Change im Iran nicht nur begrüßen, sondern aktiv betreiben würde – durch die fortgesetzte Zerstörung des iranischen Repressionsapparates, durch die Bewaffnung von Oppositionellen und die Infiltrierung der Armee.
Es ist zu hoffen, dass der Mossad unter all den säkularen, demokratischen und antiislamischen Iranern den Aufbau von Organisationsstrukturen unterstützt, die Widerstand leisten und eine Gegenmacht aufbauen können.
Um einem billigen Einwand zu entgegnen: Mit anderen von den USA betriebenen Regimewechseln wäre das kaum vergleichbar, denn in den anderen Ländern wurden säkulare Regime (teilweise mit Hilfe von Islamisten) geputscht, im Iran steht eine große Bevölkerungsmehrheit gegen die islamische Diktatur.
Ein Sturz des Mullah-Regimes in Teheran wäre ein Schlag gegen den islamischen Extremismus weltweit. Er könnte auch in Ländern wie Saudi-Arabien oder der Türkei, wo ebenfalls immer mehr junge Menschen vom islamistischen Regime von Recep Erdoğan die Nase voll haben, die säkularen Kräfte ermutigen.
