Ausgerechnet Asylforderer sollen die Lücken bei den europäischen Truppen füllen, und dafür mit der Staatsbürgerschaft belohnt werden. Die Idee dazu kommt ausgerechnet aus dem US-amerikanischen Sicherheitsestablishment.
Jahrelang wurde den Europäern erklärt, bei den ankommenden Massen aus Afrika und dem Nahen Osten handle es sich um “Schutzsuchende”, um Menschen, die vor Krieg geflohen seien, vor Bomben, Milizen und Tod. Nun schlägt ausgerechnet ein Vertreter des amerikanischen sicherheitspolitischen Establishments vor, genau diese Männer künftig in europäische Uniformen zu stecken und ihnen im Gegenzug einen Pass zu versprechen. Staatsbürgerschaft gegen Militärdienst, Zugehörigkeit gegen Einsatzbereitschaft, Heimat gegen Gehorsam. Der angebliche “Kriegsflüchtling” soll plötzlich selbst zum Kriegsteilnehmer werden – allerdings nicht für sein eigenes Land, sondern für ein fremdes.
Der Vorschlag stammt von Adham Sahloul und erschien im Magazin Foreign Policy, einem der einflussreichsten außenpolitischen Leitmedien Washingtons. Sahloul ist kein Außenseiter, sondern ein Mann aus dem innersten Zirkel der transatlantischen Machtarchitektur. Er war Berater unter Joe Biden, arbeitete im Pentagon, diente der United States Agency for International Development und ist Offizier der U.S. Navy Reserve. Heute schreibt er für das Center for a New American Security, einen jener Thinktanks, die seit Jahrzehnten die strategische Begleitmusik für westliche Interventionen liefern. Wenn ein Mann mit diesem Hintergrund vorschlägt, Migranten als Soldaten zu rekrutieren, dann ist das kein Gedankenspiel, sondern ein Signal.
Der Grund für diesen Gedankengang ist simpel. Europas Armeen finden keinen Nachwuchs mehr. Die Bundeswehr kämpft seit Jahren mit sinkenden Rekrutenzahlen, trotz millionenschwerer Werbekampagnen und verzweifelter Imageoffensiven. Dasselbe Bild zeigt sich in Frankreich, Großbritannien und anderswo. Die eigenen Bürger zeigen eine bemerkenswerte Zurückhaltung, wenn es darum geht, für die geopolitischen und ideologischen Projekte ihrer Regierungen das eigene Leben zu riskieren. Man kann das auf Geburtenraten schieben, auf den demografischen Wandel oder auf gesellschaftliche Veränderungen. Man kann aber auch die naheliegende Schlussfolgerung ziehen: Das Vertrauen und die Identifikation sind schlicht nicht mehr vorhanden.
Vom angeblichen “Schutzsuchenden” zum Kanonenfutter
Und genau hier kommt der Migrant ins Spiel. Plötzlich werden die jungen Männer aus Afrika und dem Nahen Osten nicht mehr primär als Schutzbedürftige betrachtet, sondern als strategische Ressource. Als “Manpower”, wie es in der technokratischen Sprache heißt. Dieselben Männer, die angeblich vor Krieg geflohen sind, sollen nun bereit sein, für Europa in den Krieg zu ziehen. Allein diese gedankliche Volte ist spektakulär. Denn sie zerstört das moralische Fundament der bisherigen Migrationsargumentation. Sind es nun “Schutzbedürftige”, oder aber potentielles Kanonenfutter für einen Krieg gegen Russland (und/oder China)?
Sahloul verweist dabei ausdrücklich auf historische Vorbilder wie die Französische Fremdenlegion, in der Ausländer seit jeher unter fremder Flagge kämpfen. Dort war das Prinzip immer offen sichtbar: Loyalität gegen Staatsbürgerschaft, Dienst gegen Zugehörigkeit. Söldnertum als Integrationsmodell. Die Staatsbürgerschaft wird zur Belohnung für militärischen Nutzen, der Pass zum Sold für erbrachte Dienste.
Besonders aufschlussreich ist dabei, aus welcher Perspektive dieser Vorschlag formuliert wird. Für die Strategen in Washington und den transatlantischen Netzwerken ist Europa vor allem ein militärischer Raum, ein geopolitischer Baustein innerhalb der NATO und der westlichen Sicherheitsarchitektur. Wenn die einheimische Bevölkerung nicht mehr ausreichend Soldaten stellt, dann muss dieses Problem eben anders gelöst werden. Migration wird damit nicht nur zur sozialen oder wirtschaftlichen Frage, sondern zur militärischen Personalreserve. Der Migrant wird zum sicherheitspolitischen Produktionsfaktor.
Der eigentliche Zynismus liegt in der stillschweigenden Annahme, dass diese Männer tatsächlich bereit wären, ihr Leben für ihre neue Heimat zu opfern. Männer, die ihre eigene Heimat verlassen haben, sollen plötzlich eine existenzielle Loyalität gegenüber einem völlig fremden Staat entwickeln. Männer, die laut offizieller Darstellung vor Krieg geflohen sind, sollen nun bereit sein, Krieg zu führen. Der europäische Pass wird dabei zur Eintrittskarte in eine neue Identität, die offenbar stark genug sein soll, um Todesbereitschaft zu erzeugen.
Damit offenbart sich eine Entwicklung, die weit über die reine Rekrutierungsfrage hinausgeht. Die Armeen Europas lösen sich zunehmend von ihren eigenen Völkern. Sie werden zu funktionalen Instrumenten eines politischen Systems, das seine personelle Basis nicht mehr aus der eigenen Bevölkerung beziehen kann oder will. Die Loyalität wird nicht mehr vorausgesetzt, sondern eingekauft. Der Soldat ist nicht mehr Bürger in Uniform, sondern ein Vertragsverhältnis mit Gefechtsoption. Und wenn das Volk aufbegehrt? Dann werden diese ausländischen Söldner nicht davor zurückschrecken, mit Waffengewalt gegen die Menschen vorzugehen.
