Griechenland, Zypern und Israel sind füreinander natürliche und strategische Verbündete gegen die islamistisch expansive Türkei. Und angesichts der mangelnden Verlässlichkeit Ankaras setzt die US-Regierung zunehmend auf Athen.
Von Eric Angerer
Angesichts dessen, dass die Türkei – in Kombination mit Katar und dem internationalen Netzwerk der Muslimbruderschaft und womöglich Ägypten und Saudi-Arabien – in den kommenden Jahren der Hauptfeind Israels sein wird, ist es logisch, dass sich eine israelische Geopolitik auf ein Bündnis mit Griechenland und Zypern orientiert.
Neben politischer und militärischer Kooperation sind dabei auch gegenseitige Sicherheitsgarantien und Beistandsgarantien wesentlich – um dem türkischen Regime klarzumachen, dass es nicht nur mit einem kleinen isolierten Staat zu tun hat, um nicht nur vom Goodwill der USA oder Russlands abhängig zu sein, sondern eigene Verbündete zu haben.
Tatsächlich hat Israel bereits seit einiger Zeit die Kooperation mit der Republik Zypern verstärkt. Schon seit den 2010er Jahren haben Israel und Zypern gemeinsame Militärmanöver durchgeführt. Im Dezember 2024 lieferte Israel das Flugabwehrsystem Barak MX an Zypern. Außerdem bezieht Zypern aus Israel Drohnen, Maschinengewehre und andere Militärausrüstung.
Die von den USA genutzte Luftwaffenbasis Andreas Papandreou steht auch den israelischen Luftstreitkräften zur Verfügung. Ende August 2025 wurde nun gemeldet, dass die Türkei die Zahl der auf Nordzypern stationierten Soldaten auf mehr als 100.000 verdreifacht.
Im September 2025 wurde dann ein noch leistungsstärkeres Luftabwehrsystem, das hochmoderne Barak-MX, das von den Israel Aerospace Industries (IAI) hergestellt wird, an einen Stützpunkt in Paphos geliefert. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Verteidigungsschild, sondern Barak-MX verfügt über ein hochentwickeltes ELM-2084-Multimissionsradar mit einer Reichweite von bis zu 460 Kilometern und sorgt für einen „digitalen Schutzschirm” bis weit in den Luftraum der Türkei. Damit können in Echtzeit türkische Militärflugzeuge an der Südküste der Türkei und türkische Kriegsschiffe im östlichen Mittelmeer überwacht werden. Die entsprechenden Daten werden wohl auch dem israelischen Militär zur Verfügung stehen.
Abkommen über strategische Partnerschaft
Der israelische Premier Benjamin Netanjahu (Likud) empfing am 22. Dezember seinen griechischen Amtskollegen Kyriakos Mitsotakis (Nea Dimokratia) und den zyprischen Präsidenten Nikos Christodoulides (parteilos) in Jerusalem. In einer gemeinsamen Erklärung wurden wichtige Punkte bekanntgegeben.
Israel, Griechenland und Zypern vertiefen ihre strategische Partnerschaft, besonders im Sicherheits- und Energiebereich, um die Stabilität im östlichen Mittelmeer zu fördern und gemeinsame Bedrohungen, insbesondere aus der Türkei, abzuwehren. Sie sichern sich gegenseitigen Beistand zu.
Vorgesehen ist u.a. die Schaffung einer gemeinsamen Schnellen Eingreiftruppe mit 1000 Soldaten aus Israel, 1000 aus Griechenland und 500 aus Zypern. Sie soll Land-, Luft- und Seestreitkräfte umfassen und Stützpunkte in Israel, auf Zypern und auf Rhodos und Karpathos haben. Es soll verstärkte gemeinsame militärische Übungen geben. Ein wesentlicher Punkt dabei ist der Schutz maritimer Infrastruktur wie Pipelines und Kabel.
Die wirtschaftlichen Verbindungen der drei Länder hatten sich schon in den letzten Jahren intensiviert. Israelische Firmen haben zuletzt verstärkt in Zypern investiert. Griechenland ist ein wichtiges Ziel israelischer Touristen. Nun wollen die drei Politiker laut Netanjahu auch einige bereits begonnene Projekte voranbringen. Dazu gehört vor allem der wirtschaftliche Korridor von Indien über die Arabische Halbinsel und Israel nach Europa.
Zudem unterstützten alle drei Länder eine Ausweitung der Abraham-Abkommen sowie die „Souveränität des Libanon“ – gemeint ist ein Libanon frei von iranischem und türkischem Einfluss. Netanjahu wandte sich noch mit einer Botschaft an die Türkei, ohne diese beim Namen zu nennen:
„Diejenigen, die von der Wiedererrichtung ihrer Imperien über unsere Länder träumen, denen sage ich: Vergessen Sie es. Es wird nicht passieren, denken Sie nicht einmal daran.“ Das bezieht sich darauf, dass Erdoğan in Reden oft die einstige Machtfülle des Osmanischen Reiches erwähnt.
Neuorientierung der USA
Die US-Geopolitik in der Region war lange von der Türkei abhängig. Diese liegt strategisch günstig südlich von Russland, kontrolliert die Meerengen des Bosporus und der Dardanellen und verfügt über eine große Armee.
Allerdings erwies sich das Land seit geraumer Zeit als unverlässlicher Partner. Die türkische Regierung kaufte russische Raketen, macht Probleme in der NATO und verlangt für irgendwelche Zugeständnisse dauernd Gegengeschäfte. Diese illoyale Basar-Mentalität ging der US-Führung zunehmend auf die Nerven.
In der Folge sahen sich die USA nach Alternativen um und fanden sie in Griechenland. Dabei handelt es sich nicht nur um politische Statements, sondern um handfeste Kapitalverschiebungen. Es handelt sich um eine mehrschichtige Strategie, die Griechenland zum primären Knotenpunkt für Logistik und Energie in der Region transformiert, gestützt auf die politische Stabilität in Athen.
Konkrete Beispiele dafür sind der schwimmende LNG-Terminal bei Alexandroupolis in Nordostgriechenland, der Luftwaffen- und Marinestützpunkt in der Souda-Bucht auf Kreta sowie die digitalen Korridore bei Kreta.
2025 drehte sich die entsprechende Debatte im US-Kongress nicht mehr nur um Basen, sondern um Netzwerk-Kapazitäten. Im November wurde eine verstärkte Kooperation mit Griechenland in den Bereichen Sicherheit und Energie beschlossen. Die Rede ist von Investitionen im Ausmaß von hunderten Milliarden Dollar, in die Basis in Souda sowie in die Infrastruktur in Alexandroupolis, Larissa und Stefanovikeio (Thessalien).
Griechenland ist als vertikaler Korridor für US-LNG geplant. Der Terminal in Alexandroupolis soll auf eine Kapazität von 5,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr ausgebaut werden, der Terminal in Revithoussa bei Athen ebenfalls auf 5-6 Milliarden Kubikmeter. Das kann eine wesentliche Rolle bei der Versorgung US-freundlicher Staaten am Balkan spielen und hat damit strategische Bedeutung.
Und Griechenland könnte in naher Zukunft auch Energieproduzent werden. Im November 2025 haben das US-Unternehmen ExxonMobil, die britische Energean und HelleniQ Energie eine Vereinbarung über Bohrungen nach fossilen Brennstoffen im Ionischen Meer geschlossen. Es handelt sich um den sogenannten Block 2 westlich von Kerkyra (Korfu).
Bereits Ende Oktober hatte Griechenland mit einem Konsortium des US-Konzerns Chevron Corporation und HelleniQ Energy Ministerialdekrete unterzeichnet, worin diese zum bevorzugten Investor für die Erforschung von Kohlenwasserstoffen im Meeresgebiet südlich vor der Peloponnes und südlich vor Kreta erklärt werden. In der Folge könnten entsprechende Pachtverträge unterzeichnet und vom Parlament ratifiziert werden. Allein in der Region vor Kreta sollen Schätzungen zufolge bis zu 280 Milliarden Kubikmeter Gas lagern – das könnte den griechischen Energiebedarf für Jahrzehnte decken und wäre auch eine Option für den Export.
Energieproduktion und Energietransfer könnten für Griechenland einen wirtschaftlichen Schub bedeuten. Alexandroupolis ist bereits jetzt eine Boom-Region. Aufschwung und Stabilität wirken wiederum positiv auf den Tourismus, der mit 40 Millionen ausländischen Gästen zuletzt neue Rekorde erreichte, 20 Prozent des BIP ausmacht und besonders unter US-Amerikanern immer beliebter wird.
Basen, Häfen und Flugplätze
Die USA und Griechenland haben 2025 ein „Mutual Defense Cooperation Agreement“ abgeschlossen. Die US-Basis in der Souda-Bucht wurde bereits um 44 Millionen Dollar massiv ausgebaut. Bis 2027 soll der Ausbau weitergehen. Die Verträge über den Stützpunkt gehen weit darüber hinaus, was eine längerfristige Bindung bedeutet.
Alexandroupolis wiederum ist der zentrale Hafen für US-Truppen am Balkan. Die Elefsina-Werft bei Athen wird mit 125 Millionen Dollar modernisiert und soll damit für Reparatur und Wartung von US-Schiffen der Region zur Verfügung stehen. Dabei handelt es sich um strategische Industriepolitik, die für Griechenland auch Technologie und Wertschöpfung bringt.
In Andravida am westlichen Peloponnes sollen 20 F35-Kampfflugzeuge stationiert werden, die Griechenland in den USA kauft. Sie sollen die Luftüberlegenheit der griechischen Luftwaffe in der Region sichern und sind auch fliegende Datencenter, was eine enge Bindung mit den USA impliziert.
Das vertiefte Bündnis der USA mit Griechenland bedeutet nicht, dass Washington die Türkei völlig aufgibt. Offensichtlich bemüht sich die US-Regierung weiterhin um eine Zusammenarbeit mit Ankara und insbesondere seinem Verbündeten Katar. Man will aber offensichtlich nicht von dem unberechenbaren islamistischen Regime in der Türkei, das zuletzt an einem Militärbündnis mit Saudi-Arabien und Pakistan bastelte, abhängig sein.
Dafür sind für Washington stabile und berechenbare Bündnispartner wie Israel und Griechenland wichtig. Die Griechen und Israelis wiederum sichern sich vorrangig gegenseitige Unterstützung und Loyalität zu, sind aber froh, wenn sie gegen die breite islamische Front die Rückendeckung einer Großmacht haben.
