Öffentlich brachte das Treffen zwischen den Regierungschefs der USA und Israels nichts Neues. Aber was passiert hinter den Kulissen? Was sagen israelische Militärs und Geheimdienstler zur weiteren Perspektive?
Von Eric Angerer
Benjamin Netanyahu hatte Donald Trump also im Weißen Haus getroffen. Danach teilte der US-Präsident mit, dass er weiter in Verhandlungen mit dem Iran alles versuchen möchte. Und Netanyahu warnte, dass man den Mullahs nicht trauen könnte. Im Bereich der öffentlichen Erklärungen also nichts Neues.
Vor einem Monat hatte Trump der iranischen Bevölkerung, die zu großen Teilen die islamfaschistische Diktatur im Land ablehnt, versprochen, „help is under way“. Danach hat zwar ein massiver Aufmarsch von US-Truppen in der Region stattgefunden, ein Angriff wurde aber bislang verschoben. Stattdessen begann Trump plötzlich wieder Verhandlungen mit den Mullahs.
Gründe für die Verzögerung
Grund 1 könnte sein, dass die Trump-Regierung Angst vor iranischen Gegenschlägen und eigenen Verlusten hat. In diese Richtung gingen etwa Alastair Crooke oder John Mearsheimer.
Die US-Truppen können sicherlich viele Raketen abwehren, aber bei tausenden kann auch etwas durchkommen und zumindest einige eigene Verluste sind wahrscheinlich. Dann stellt sich die Frage, was Russland und China dem Iran zuletzt geliefert haben.
Die chinesische Marine hat offenbar zuletzt einen leistungsstarken Zerstörer der Klasse 055, der auch für einen US-Flugzeugträger eine echte Gefahr darstellt, vor die iranische Küste entsandt – für die gemeinsamen Marineübungen mit Russland und dem Iran. Dazu kommen angeblich ein kleinerer Zerstörer der Klasse 052D und das Seeüberwachungs- und Ortungsschiff Liaowang-1. (https://militarywatchmagazine.com/article/china-destroyer-near-iran-attack)
Die russische Hyperschallrakete Oreschnik, vermutlich nur von russischem Personal zu bedienen, ist wohl faktisch nicht zu verteidigen – und ein sinkender US-Flugzeugträger wäre für Trump der Supergau (laut dem Militäranalysten David Hookstead bereitet der Iran auch einen massiven Angriff auf den US-Flugzeugträger vor.
Grund 2 für die Verzögerung könnte sein, dass das Zusammenziehen von US-Kräften schlicht noch nicht abgeschlossen ist. Diese beiden möglichen Gründe sind für alle, die nicht direkt in die militärischen und geheimdienstlichen Abläufe involviert sind, nur schwer zu beurteilen. Bei allem, was in dem Bereich publiziert wird, handelt es sich mehr oder weniger um Spekulationen.
Grund 3 für die Verzögerung könnte sein, dass im Hintergrund noch Gespräche stattfinden. Aus der US-Regierung ist a) teilweise von einem Deal die Rede, zu dem das iranische Regime nur noch kurz Zeit habe. Geht es dabei nur um einen Machtverzicht mit Gang ins Exil, als einen Regimechange? Oder wären die USA auch mit weniger zufrieden?
b) Könnten auch Verhandlungen zwischen Russland und den USA stattfinden – auch verknüpft mit der Ukraine. Es ist schon auffällig, dass nach monatelangem Stillstand nun plötzlich erstmals direkte Gespräche zwischen Russland und der Ukraine mit US-Vermittlung stattfinden. Gut möglich, dass die russische Führung den USA etwa sagt:
„Wir mögen die verrückten Islamisten in Teheran auch nicht. Aber ihr seid uns jahrelang in der Ukraine mit Waffenlieferungen und Militärberatern auf die Nerven gegangen und habt das für uns schwierig und opferreich gemacht. Das können wir jetzt umgekehrt im Iran tun. Überlegt euch rasch ein gutes Angebot für die Ukraine und wir halten uns zurück!“
Fünf Szenarien
Wie kann es nun weitergehen? Was sind die möglichen Perspektiven? Der israelische General Amir Avivi, Sprecher des „Israel Defense and Security Forum“ (IDSF), eines Zusammenschlusses von 34.000 Reserveoffizieren mit guten Verbindungen zu Armeeführung und Regierung, hat schon am 19. Januar gesagt, dass Israel in jedem Fall, auch wenn Trump noch den Schwanz einziehen sollte, zuschlagen wird, um die Bedrohung durch das iranische Raketenarsenal auszuschalten.
In einem weiteren Video vom 27. Januar meinte Avivi, dass der Krieg mit dem Iran „imminent“ sei, also unmittelbar/demnächst bevorstehe. Und er nannte drei mögliche Szenarien, wie das ablaufen werde.
Szenario 1: Die Mullahs kommen den USA zuvor und schlagen mit ihrem Raketenarsenal gegen US-Stützpunkte und gegen Israel zu. Das sieht Avivi als die schlechteste Variante, da dann keine Raketen bzw. Abschusseinrichtungen im Voraus zerstört würden und man all die Raketen abfangen müsste, was kaum möglich sei.
Szenario 2: Die USA schlagen bald zu und zerstören mit israelischer Unterstützung große Teile der militärischen Einrichtungen und der Kommandozentralen der Islamfaschisten. Das sieht Avivi als die beste Variante, die Opfer bei Gegenschlägen minimieren würde und eventuell einen Regimechange einleiten könnte.
Szenario 3: Wenn die USA zu lange zögern, würde Israel allein losschlagen, um Szenario 1 zu verhindern und die Opfer in der israelischen Bevölkerung möglichst gering zu halten. Die Wucht wäre aber natürlich geringer als mit US-Beteiligung. Begleitet könnte das sein von Operationen vor Ort; David Hoodstead berichtete bereits von einer massiven Explosion auf der iranischen Nukleareinrichtung Parchin.
Szenario 4 (nicht von Avivi): Es gibt – wohl unter russischer Beteiligung – eine Art „Deal“. Das könnte eben ein persönlicher Ausweg für die führenden Figuren des Regimes sein, ein sicheres Exil in Russland oder China nach dem Vorbild des ehemaligen syrischen Präsidenten. Es würde eine Art Übergangsregierung eingerichtet. Mordechai Kedar, israelischer Universitätsprofessor für den arabischen Raum und ehemaliger Geheimdienstler, berichtete, dass die Mullahs bereits in großem Stil Gold ins Ausland schaffen.
Szenario 5 (nicht von Avivi): Es gibt keinen Deal mit Russland und Trump gibt unter dem Druck Chinas, Russlands, Katars und der Türkei klein bei, ist also mit kleinen Zugeständnissen des Irans in der Nuklearfrage zufrieden. Und gleichzeitig wagt Israel – gegen den Willen Washingtons – doch keinen Alleingang. Das wäre ein Sieg für die Mullahs, ihre Verbündeten und den globalen Islamismus und eine Niederlage für den jüdischen Staat. Und es wäre für Trump, der sich immer über die schwachen Deals von Obama und Biden mit dem Iran lustig gemacht hat, ein dramatischer Gesichtsverlust vor der iranischen Bevölkerung und vor der Welt.
Aktuelle Entwicklungen und Einschätzungen
Bei den Verhandlungen sind die Mullahs nur bereit, über die Nuklearfrage zu reden – die übliche Hinhaltetaktik seit Jahrzehnten. Gespräche über die Repression gegen die Bevölkerung, über die Bewaffnung der iranischen Proxys und über das ballistische Raketenprogramm lehnt Teheran ab.
Die iranische Führung könnte dennoch einige verbale Zugeständnisse machen (die sie dann nicht einhält) und versuchen, die Amtszeit Trumps auszusitzen. Da sich die Mullahs aber in göttlichem Auftrag gegen Ungläubige und den „Satan USA“ sehen, sind ihnen eine Endzeit-Führerbunker-Stimmung und ein möglichst zerstörerischer Abgang durchaus zuzutrauen. Wenn Trump nicht völlig kapituliert, könnten die Verhandlungen scheitern.
General Avivi hat in einem neuen Interview bekräftigt, dass er den Beginn militärischer Auseinandersetzungen mit dem Iran weiterhin für „imminent“ hält. Und er fügt einige Aspekte hinzu:
Erstens habe der Iran seit dem Juni 2025 sein ballistisches Raketenprogramm nicht nur erneuert, sondern diese Waffen auch technisch verbessert. Das bedeute einerseits, dass die militärische Konfrontation mit dem Iran jetzt gefährlicher, und andererseits, dass die Zerstörung dieses Arsenals umso dringender sei.
Zweitens wurde Avivi darauf angesprochen, dass sich zuletzt immer mehr arabische Staaten gegen einen Angriff ausgesprochen haben, was sich – anders als im Juni 2025 – auch negativ auf die Überfluggengenehmigungen auswirken könnte. Avivi antwortete darauf, dass diese Länder aktuell vom Iran mit Beschuss bedroht würden und sie sich deshalb öffentlich so äußern würden, dass aber im Hintergrund Verhandlungen laufen würden, um die Genehmigungen sicherzustellen.
Ein israelischer Geheimdienstoffizier, der (anonymisiert) ebenfalls auf der Plattform des IDSF interviewt wurde, sagt dazu allerdings, dass viele andere Länder der Region (insbesondere die Türkei, Katar und eventuell auch Saudi-Arabien) zwar die Mullahs auch nicht mögen. Sie würden durchaus eine Schwächung des Regimes in Teheran begrüßen, nicht aber seinen Sturz.
Das ist auch logisch, denn ein prowestlicher Iran würde – im Bündnis mit Israel, den VAE, Griechenland und Indien – die Machtverhältnisse in der Region deutlich ändern. Das würde der Türkei und Katar, die großen Einfluss in Syrien, in Libyen und in Somalia haben, nicht schmecken. Und auch Saudi-Arabien, das sich zuletzt gegen die prowestlichen VAE gestellt und der Türkei angenähert hat, wäre darüber nicht glücklich.
Aber auch dieser israelische Geheimdienstoffizier hält einen Militärschlag gegen die Mullah-Diktatur in den nächsten zwei Wochen für wahrscheinlich. Festgehalten werden sollte auch, dass Netanyahu in Washington vom Chef der israelischen Luftwaffe begleitet wurde, der hinter den Kulissen mit US-Militärs sicherlich einiges zu besprechen wusste.
Und schließlich soll Netanyahu von Trump gefordert haben, dass jedes Abkommen die komplette Zerstörung des iranischen Nuklearprogramms und des ballistischen Raketenarsenals sowie die völlige Einstellung der Unterstützung für die iranischen Proxys beinhalten müsse. Ansonsten werde Israel – das soll Netanyahu Trump und seinem Team mitgeteilt haben – bis spätestens Ende März auch ohne US-Beteiligung gegen den Iran zuschlagen.
