Das Emirat Katar ist Hauptfinanzier und Operationsbasis der weltweiten Muslimbruderschaft – und ein großer Player des globalen Kapitalismus. Von vielen unbeachtet, ist besonders in Europa sein ökonomischer Einfluss mittlerweile riesig – mit politischen Folgen.
von Eric Angerer
Laut Lobby Control nehmen in Brüssel etwa 25.000 Lobbyisten mit einem Jahresbudget von 1,5 Milliarden Euro Einfluss auf die EU-Institutionen. Etwa 70 Prozent von ihnen arbeiten für Unternehmen und Wirtschaftsverbände. Sie genießen privilegierte Zugänge zu den Kommissaren. Und sie bearbeiten die Abgeordneten mit Zuckerbrot und Peitsche. Soviel zum Funktionieren „unserer Demokratie“.
Diejenigen, die in dieser „Lobbykratie“ Einfluss nehmen, sind keineswegs nur europäische Konzerne, sondern auch globale Player. Eine herausragende Rolle spielt dabei die Qatar Investment Authority (QIA), der Staatsfonds des Emirats.
Staat der Muslimbrüder
Katar ist zwar ein kleines Land mit nur 3,1 Millionen Einwohnern und lediglich 360.000 katarischen Staatsbürgern, aber mittlerweile ein wichtiger Player im globalen Kapitalismus. Mit dem Erdölboom in den frühen 1970er Jahren, als die arabischen Golfstaaten immer mehr Arbeitskräfte brauchten, kamen auch zahlreiche ägyptischer Lehrer und Techniker auf die Arabische Halbinsel, von denen viele Mitglieder oder Anhänger der Bruderschaft waren. Sie bildeten dort ihre eigenen Strukturen aus.
Während sie in Saudi-Arabien als Gefahr für die alleinige Macht des Königshauses verstanden und teilweise auch bekämpft wurden, verbanden sich die Muslimbrüder in Katar erfolgreich mit der Herrscherfamilie Al-Thani. De facto ist die Bruderschaft in Katar die herrschende politische Kraft, und das Emirat ein Staat der Muslimbrüder. Sie können die staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen für ihre internationale Agenda benutzen.
Qatar Investment Authority
Die 2005 etablierte QIA ist einer der weltweit größten Staatsfonds und verwaltete Ende 2025 schätzungsweise 557 Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten. Sie konzentriert sich dabei auf langfristige Investitionen in Technologie, Immobilien, Infrastruktur und Finanzdienstleistungen weltweit und insbesondere in den westlichen Ländern, allen voran in Europa.
Allein in Europa liegen die katarischen Beteiligungen laut QIA und Investitionsberichten in Milliarden-Höhe: rund 27 Milliarden US-Dollar in Frankreich, 24 Milliarden in Deutschland und 35 bis 40 Milliarden im Vereinigten Königreich. Zielbranchen sind vor allem Energie, Finanzen, Immobilien, Luftfahrt und Technologie.
Katarische Beteiligungen in der EU
In Deutschland ist Katar breit aufgestellt und hat weitere Investitionen angekündigt: Ein Beispiel dafür ist die 10-prozentige Beteiligung am Energiekonzern RWE, die QIA 2022 um 2,4 Milliarden Euro übernahm, um – wie es hieß – die “Growing Green”-Strategie zu unterstützen. An Volkswagen besitzt QIA circa 17% der Stimmrechte. Dazu hält der katarische Fonds unter anderem Beteiligungen an Porsche, der Deutschen Bank, an Siemens, an Hapag-Lloyd (Container-Shipping) und am KI-Unternehmen Celonis.
In Frankreich ist die QIA am Mischkonzern Lagardere beteiligt. Sie hält Beteiligungen am Bau- und Hotelkonzern Vinci SA & AccorHotels und am Agrarkonzern InnovaFeed, der auf Insektennahrung spezialisiert ist. Der französische Energiekonzern TotalEnergies SE hat eine strategische Partnerschaft mit QIA und dem katarischen Staatskonzern QatarEnergy, besonders im Bereich Flüssiggas und dem Betrieb von Raffinerie- und Petrochemieprojekten. 2025 kündigte Katar neue massive Investitionen Katars in Frankreichs Energie-, Immobilien- und Finanzbranche an
In Italien besitzt die QIA „Porta Nuova“, das Geschäftsviertel in Mailand und hat in den Energiekonzern Enel investiert.
Katars Investitionen in Großbritannien
Sehr massiv ist der katarische ökonomische Zugriff auch im Vereinigten Königreich. Wichtige Investments von QIA sind dort die Beteiligungen an Rolls-Royce, Barclays & LSE (Großbank und der London Stock Exchange), am Flughafen Heathrow (20 %) und an Blue Owl Capital (KI-Technologie). Und Katar ist der größte Aktionär von IAG (International Airlines Group), der Muttergesellschaft von British Airways
Katar besitzt Harrods, das berühmte Luxuskaufhaus in Knightsbridge, und The Shard, den höchsten Wolkenkratzer Westeuropas, zu 100%. Die QIA besitzt oder hält Anteile an weiteren Gebäuden wie dem HSBC Tower und dem News Building (Sitz von The Sunday Times). Dazu kommen Luxushotels wie das Ritz, das Savoy und das Claridge’s. Bei der Canary Wharf Group, der Betreibergesellschaft des Finanzdistrikts von London ist die QIA mit 50% der Hauptanteilseigner.
Tony Blair und King Charles
Dass Großbritannien vom kombinierten Zugriff von Katar und den Muslimbrüdern besonders betroffen ist, war seit langem (seit Tony Blairs Politik das ermöglicht hat) klar. Katar soll insgesamt in Großbritannien 100 Milliarden Pfund investiert haben, auch in Universitäten und Medien. Selbst der englische König soll Geldspenden von Katar bekommen haben.
Tommy Robinson, der Organisator der britischen Massendemos gegen Islamisierung, kritisiert den ausländischen Einfluss (u.a. von islamistischen Kadern bis ins britische Militär) und warnt vor der wachsenden Rolle der Muslimbruderschaft in Großbritannien:
Folgen der wirtschaftlichen Macht
Offensichtlich ist, dass Katar durch Investitionen, Sponsoring und Bestechungen in immer mehr Institutionen des Westens Einfluss gewinnt – und damit auch ideologische und politische Macht. Im Sommer 2025 machte Katar offen politischen Druck auf die EU: Sollte die geplante EU-Richtlinie zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht (die sogenannte Corporate Sustainability Due Diligence Directive) nicht entschärft werden, werde man Katars LNG-Lieferungen an Europa einstellen.
Ein spektakuläres Beispiel war der Fall Eva Kaili. Die sozialdemokratische Abgeordnete aus Griechenland war 2022 nach Katar gereist und hatte danach im EU-Parlament – pünktlich zu Beginn der umstrittenen WM in der Wüste – die Menschenrechtslage in Katar gelobt und das Land als „führend bei den Arbeitsrechten“ bezeichnet. Einige Wochen später hatten Ermittler in ihrer Wohnung Säcke mit 1,5 Millionen Euro Bargeld gefunden.
Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte Anerkennung Palästinas als Staat nur wenige Monate nach neuen massiven Investitionen Katars in Frankreichs Energie-, Immobilien- und Finanzbranche angekündigt. Zufall?
