US-Ökonom: Die Ukraine steht kurz vor dem Zusammenbruch

Bild: freepik / kjpargeter

Der Ökonom Adam Tooze sieht im Aufruf Wolodymyr Selenskyjs an die ukrainischen Flüchtlinge, im Ausland zu bleiben und nicht zurückzukehren, eine Bestätigung für die katastrophale Lage des Landes. Die Energieinfrastruktur ist weitestgehend zerstört und die Wirtschaft kollabiert.

Die russischen Truppen agieren in der Ukraine ähnlich wie die NATO während des Jugoslawienkriegs und zerstören kritische zivile Infrastrukturen wie die Strom- und Wasserversorgung des Landes. Gerade jetzt im Winter führt dies zu einer sehr ernsthaften Lage für die Zivilisten, die in der Ukraine verblieben sind. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief deshalb die ins Ausland geflohenen Bürger dazu auf, dort zu bleiben und nicht in die Heimat zurückzukehren.

Der US-Ökonom Adam Tooze sieht darin quasi eine Kapitulationserklärung des ukrainischen Staatschefs, wie er es auch in einem Gespräch mit US-Magazin “Foreign Policy” erklärt. Während Russland infolge des Krieges und der Sanktionen einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von jeweils lediglich etwa vier Prozent in diesem und im kommenden Jahr erwartet, liegen die Kontraktionen der ukrainischen Wirtschaft bereits bei etwa einem Drittel der Wirtschaftsleistung.

Im Moment wird die wirtschaftliche und soziale Lage der Ukraine, vor allem in dieser kalten Jahreszeit, immer ernster – ich meine, buchstäblich von Woche zu Woche. Sie ist meiner Meinung nach in zweierlei Hinsicht äußerst prekär. Zum einen geht es um Geld und zum anderen um das, was man als Realwirtschaft bezeichnen könnte”, so Tooze. Denn die Ukraine sieht sich mit einer sehr hohen Inflationsrate konfrontiert und der bisherige realökonomische Zusammenbruch um rund ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung wird sich noch weiter verstärken. “Und ich denke, es ist wirklich aufschlussreich, dass [der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj] ukrainische Flüchtlinge gebeten hat, nicht nach Hause zu kommen, sich außerhalb des Landes zu halten. Wenn ein Staat seine Bürger buchstäblich auffordert, im Ausland zu bleiben, weil er ihnen zu Hause keine grundlegenden Infrastrukturdienste zur Verfügung stellen kann, ist das eine wirklich existenzielle Aussage”, so der Ökonom.

Der Experte hält es zwar für möglich, die ukrainische Wirtschaft mit monatlichen Hilfszahlungen von etwa 5 Milliarden Dollar zu stabilisieren, doch nur wenn diese auch zielgerichtet eingesetzt werden. Insbesondere die Reparatur des Energiesystems und die Unterstützung von Improvisationsmaßnahmen seien dabei wichtig, um eine Basisversorgung der Haushalte und der Unternehmen gewährleisten zu können. Doch davon ist man derzeit weit entfernt. Das heißt aber auch, dass die allgemeine Lage in den kommenden Monaten noch schlechter wird, da die Ukrainer die Energienetze nicht rasch genug wieder instand setzen können. Und wie es Tooze anmerkt, steht es um die Ukraine offensichtlich deutlich schlechter als man es offiziell zugeben möchte. Wie lange wird es wohl dauern, bis die zivilen Opferzahlen deshalb in die Höhe schießen und Selenskyj zu Friedensverhandlungen gezwungen sein wird?

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