Keine Distanzierung von Juden-“Säuberung”: Melnyk zeigt, warum Ukraine nichts in EU verloren hat

Bild A. Melnyk: Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons

Stellen Sie sich vor, einem deutschen Politiker wird ein Flugblatt seines persönlichen Helden vorgelesen, das da lautet: “Volk, das musst du wissen, Moskoviten, Polen, Ungarn und Juden, die sind deine Feinde. Vernichte sie.” Und der Politiker antwortet: “Ich werde dir heute nicht sagen, dass ich mich davon distanziere.” Diese Person würde (zu Recht) in der deutschen Politik nie wieder einen Fuß in die Tür bekommen. Wenn es um die heilige Ukraine geht, bleiben Konsequenzen dagegen aus: Die Weigerung zur Distanzierung stammt von Andrij Melnyk. Seine Gesinnung wird toleriert.

Ein Kommentar von Vanessa Renner

YouTuber Tilo Jung hat für seinen Channel “Jung und Naiv” den Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, interviewt. Dieser ist vor allem für seine Überheblichkeit und freche Forderungen bekannt und entsprechend unter den meisten Deutschen alles andere als beliebt. Was vom Mainstream, der sonst alles und jeden mit Begeisterung in die rechte Ecke stellen möchte, zumeist ignoriert wird, ist allerdings, dass Melnyk zugleich ein großer Bewunderer des ukrainischen “Volkshelden” Stepan Bandera ist. Bandera gilt unter Historikern als Faschist und Nazi-Kollaborateur, der offen zur “Säuberung” der Ukraine von Juden und anderen sogenannten “Feinden” aufrief:

Nach Darstellung von Grzegorz Rossoliński-Liebe war Bandera ein „überzeugter Faschist“. Er weist Bandera für die während seiner Abwesenheit 1943/44 verübten Massaker in Wolhynien und Ostgalizien eine zumindest „moralische Verantwortung“ zu. „Vor dem Krieg machte er (Bandera) kein Geheimnis daraus, dass ‚nicht nur Hunderte, sondern Tausende Menschenleben geopfert werden müssen‘, damit die OUN ihre Ziele realisieren und ein ukrainischer Staat entstehen könne. Die Massengewalt beziehungsweise die ‚Säuberung‘ der Ukraine von Juden, Polen, Russen und anderen ‚Feinden‘ der Organisation war ein zentraler Bestandteil seiner Ziele.“

Wikipedia

Dennoch wird er vor allem in der West-Ukraine offen verehrt, was von Israel und Polen scharf kritisiert wird. Der wertfreie Westen, allen voran Deutschland, nimmt daran unfassbarerweise keinen nennenswerten Anstoß – auch Neonazis des Asow-Regiments werden hier neuerdings als Helden stilisiert. Wer das kritisiert und solcherlei Umtriebe verabscheut, wird am Ende noch selbst als Nazi denunziert, so scheint es.

Dessen zeigt auch Botschafter Melnyk sich sehr sicher. Nicht nur, dass er sich in der Vergangenheit bereits über Kritik an seinem geliebten Stephan Bandera empörte: Auch auf das Asow-Regiment lässt er nichts kommen. Das belegen etwa die folgenden Tweets:

Melnyk: Keine Distanzierung zu “Säuberungen”

Im Gespräch mit Tilo Jung, das am 29. Juni erstmals ausgestrahlt wurde, legte Melnyk nach: Jung wagte es lobenswerterweise tatsächlich, Melnyks Bandera-Verehrung offen anzusprechen und entlockte dem Botschafter dadurch Aussagen, die im vorgeblich antifaschistischen Deutschland einen massiven Skandal hätten auslösen müssen – mit klaren Konsequenzen. Melnyk leugnete dort offen die kranke Ideologie seines Helden und dessen Mitverantwortung am Tod Hunderttausender Juden. Er bezeichnete dies als “das Narrativ, das die Russen bis heute durchsetzen, und das in Deutschland, in Polen und auch in Israel Unterstützung findet”. Jung zitierte daraufhin:

„Es gab Flugblätter, als die Deutschen reingekommen sind in die Ukraine, da hieß es: ‚Volk, das musst du wissen, Moskoviten, Polen, Ungarn und Juden, die sind deine Feinde. Vernichte sie. Das musst du wissen. Deine Führung, dein Führer Stepan Bandera.’“

Tilo Jung

Melnyk fragte nach, was das für Flugblätter seien – und konstatierte nach Jungs Erläuterung und seiner Feststellung, dass die Sachlage klar sei: “Also ich, ich werde dir heute nicht sagen, dass ich mich davon distanziere … und das war‘s.” Auf Jungs sichtliche Fassungslosigkeit und seinen Kommentar, dass er nicht verstehe, “wie man jemand als Helden bezeichnen kann, der gleichzeitig Massenmörder von Juden und Polen war”, leugnete Melnyk abermals Banderas historische Rolle und behauptete: “Bandera war kein Massenmörder.”

Ukrainische Regierung: “Hurra” zu Nazis

Mit ihrem Geschichtsrevisionismus in dieser Causa stehen die (West-)Ukrainer freilich alleine da – und das ist Kiew sogar bewusst: Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich nämlich von Melnyks Äußerungen. Für eine Reinwaschung der Ukraine reicht das aber bei Weitem nicht, denn die Bandera-Verehrung ist dort tief verwurzelt. Eine Distanzierung zu Melnyk ändert daran nichts – so hat gerade Polen dessen Äußerungen scharf kritisiert. Polen ist ein großer Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland; die Ukraine kann es sich schlicht nicht leisten, das aufs Spiel zu setzen.

Die angeblich so westlich orientierten Kräfte in der Ukraine haben kein Interesse daran, Neonazis und Rechtsradikale im Land im Zaum zu halten. Darüber wurde in der Vergangenheit auch hierzulande noch kritisch berichtet – etwa 2014 vom Focus:

Das Bataillon Asow ist eine rechtsradikale Miliz. „Die historische Mission unserer Nation in diesem kritischen Moment ist, die weißen Rassen der Welt in einen finalen Kreuzzug für ihr Überleben zu führen“, sagte der Kommandeur Andrij Bilezki der britischen Zeitung „Telegraph“. Seine Miliz kämpft an der Seite der ukrainischen Regierungstruppen gegen die pro-russischen Separatisten. Neonazis im Dienste der Regierung.

Der saubere Wolodymyr Selenskyj, obwohl selbst jüdischer Herkunft, hat das Bündnis mit den Neonazis seit Beginn seiner Amtszeit nicht aufgehoben, sondern in Wahrheit noch vertieft – zumindest Linke wie die Autoren der World Socialist Web Site berichteten darüber noch vor einem Jahr sehr kritisch. So sollte damals der Rechtsextreme und verurteilte Kriminelle Sergij Sternenko zum Leiter des Inlandsgeheimdienstes SBU in Odessa ernannt werden – Sender wie “112 Ukraina”, die die Rekrutierung und Förderung Rechtsextremer durch den SBU publik machten, wurden von Selenskyj kurzerhand verboten.

Selenskyj kam im Jahr 2019 aufgrund der weit verbreiteten Desillusionierung und des Abscheus über seinen rechten nationalistischen Amtsvorgänger Petro Poroschenko an die Macht. Die Bestätigung seines Angebots an Sternenko zeigt jedoch, dass er in Wirklichkeit das offensichtliche Bündnis zwischen der ukrainischen Oligarchie und Neonazi-Schlägertrupps fortgesetzt und vertieft hat. […] Die ukrainische Regierung hat vor Kurzem eine Strategie zur „Wiedererlangung“ der Krim vorgestellt und setzt – mit militärischer Unterstützung der USA – ihre potenziell katastrophale Konfrontation mit Moskau fort. Deshalb sind Personen wie Sternenko für sie unverzichtbar, da sie sowohl im Kriegsgebiet als auch bei der Unterdrückung des Widerstandes der Bevölkerung die Drecksarbeit übernehmen. […] Selenskyjs immer offenere Beziehungen zur extremen Rechten des Landes beweisen erneut, dass die ukrainische herrschende Klasse diese Elemente in einem potenziellen Krieg mit Russland als Speerspitze einsetzen will.

Quelle

Deutsche Bundesregierung: Volle Toleranz für Nazis?

Sind offene Bündnisse mit Neonazis für Deutschland neuerdings tolerierbar? Ganz offensichtlich. So warb nicht zuletzt Bundeskanzler Olaf Scholz offen dafür, die Ukraine zum EU-Beitrittskandidaten zu machen. Dafür sollte doch glatt das Prinzip der Einstimmigkeit aufgehoben werden, damit die Europäische Union “erweiterungsfähig” werde. Auch Melnyks Äußerungen stellen für die deutsche Bundesregierung kein Problem dar; man beruft sich schlicht darauf, dass das ukrainische Außenministerium sich ja formal distanziert habe. Ganz so, als sei Melnyk der einzige, der derartige Ansichten vertrete. Nicht einmal für Melnyk selbst gibt es Konsequenzen: Eine Leugnung des Massenmords an Juden hat in Deutschland nun also offensichtlich wieder Platz. Zumindest, wenn sie von Ukrainern kommt.

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